Immer ein spontaner Film auf Lager

Amazon Prime Video: Heimkino-Streaming im Test

Mit der Übernahme von LoveFilm hat Amazon Ende 2013 die Sparte Video-Streaming für sich erschlossen. Während der DVD-Verleih per Postversand unter dem Namen LoveFilm weiter läuft, wurde das Video-Streaming per Internet unter dem Namen Amazon Prime Video, damals noch Prime Instant Video, fortgeführt. Die Nutzung ist damit eng an Amazone Prime gekoppelt — der Versand-Flatrate für 49 € jährlich, mit der man einen Großteil des Artikelsortiments frei von Versandkosten bestellen kann — und wird erst dadurch richtig attraktiv.

Amazon Prime Video

Das Video-Streaming macht rund 20 € der Kosten für Amazon Prime aus. Ursprünglich bezahlte man für die Versand-Flatrate 29 € pro Jahr. Mit der Einführung von Prime Video wurde die Gebühr um die besagten 20 € erhöht. Für einen Jahresbeitrag ist das schon ganz in Ordnung, wenn man bedenkt, was man dafür alles an Inhalten geboten bekommt. Vorausgesetzt, die eigenen Interessen decken sich damit. Es gibt auch die eine oder andere Kritik an dem Dienst.

Technische Voraussetzungen

Die erste Wahl, Amazon Prime Video zu nutzen, ist sicherlich auch der von Amazon präferierte Weg: über den Fire TV bzw. den Fire TV Stick. Die Multimedia-Kästchen bringen alles mit, um das Angebot direkt in vollem Umfang auskosten zu können.

Apps für Mobilgeräte und der direkte Aufruf im Browser, der natürlich auch möglich ist, halte ich in Heimkinos für nicht weiter relevant. Darüber hinaus gibt es Amazon-Apps für andere Geräte, die etwas besser für den Einsatz im Großbildbereich geeignet sind. Schließlich will man im Heimkino auch 5.1-Sound hören. Ich nutze Prime Video zum Beispiel über die PlayStation 3: Im Gegensatz zum Fire TV konzentriert sich die App hier mehr auf Filme und Serien.

Die Angaben, mit welcher Hardware und Software man Prime Video nutzen kann, schwanken immer ein wenig. So ist es zum Beispiel nicht möglich, Prime-Inhalte innerhalb von Kodi wiederzugeben. Das rührt wahrscheinlich von dem berechtigten Interesse seitens Amazon her, die hauseigenen Fire-Produkte an den Mann zu bringen. Informiert Euch also gründlich, ob Amazon Prime Video in Eurem bestehenden System einsatzfähig ist.

Qualität des Streamings

Eine ordentliche Internetverbindung vorausgesetzt, ist die Qualität der Video-Streams durchaus im Heimkino zu gebrauchen. Ein paar tausend Kilobit pro Sekunde sollte die Leitung aber schon konstant hergeben, damit die Qualität nicht schwankt. Ich konnte meine Tests „leider“ nur mit minimal 25.000 kbit/s durchführen, weil ich „nur“ eine Kabelverbindung zur Verfügung habe. Aber auch mit halbwegs schnellem DSL sollte es keine Probleme geben.

Etwas Vorsicht ist bei der Nutzung über WLAN geboten, denn WLAN ist für Streaming eigentlich ungeeignet. Egal, welche Hardware Ihr verwendet — sie sollte immer per Netzwerkkabel mit dem Router verbunden sein. WLAN hat in den meisten Fällen einfach zu schlechte Übertragungsraten und führt so zu deutlich schlechterer Bild- und Tonqualität.

Damit scheidet der Fire TV Stick für den Einsatz im Heimkino eigentlich aus, weil hier WLAN die einzige Möglichkeit ist, eine Verbindung herzustellen. Der große Fire TV, der in der neuesten Version auch die 4k-Auflösung unterstützt, hat dieses Problem dank eines RJ-45-Anschlusses nicht.

Sound im 5.1-Format

Wenn man sich auf die Suche nach einem Streaming-Dienst für das Heimkino begibt, ist eines der wichtigsten Kriterien, ob Filme mit 5.1-Sound angeboten werden. Ohne echten Mehrkanalton ist das Heimkino unterfordert und man greift besser auf die gute alte Blu-ray zurück.

Bei Amazon Prime Video wird inzwischen ein großer Teil der Filme mit 5.1-Sound angeboten. Die Kodierung erfolgt  meist in Dolby Digital Plus, dem großen Bruder des klassischen Dolby Digital, das speziell für Streaming optimiert wurde.

Das Tonformat ist an jedem Film durch ein Symbol gekennzeichnet. In der Anfangszeit von Prime Video hatte ich den Eindruck, dass man sich auf diese Kennzeichnung nicht immer verlassen kann — allerdings eher zum Guten als zum Schlechten: Filme, die nicht gekennzeichnet waren, hatten trotzdem 5.1-Sound. Inzwischen scheinen die Kennzeichnungen aber weitestgehend zu stimmen.

Große Filmauswahl

Das Angebot an Filmen ist bei Amazon Prime Video an sich schon reichhaltig. Im Vergleich mit richtigen Videotheken ist es allerdings eher klein. Die großen und bekannten Titel der letzen Jahre sind für gewöhnlich verfügbar. Allerdings ist längst nicht alles in der Prime-Flatrate enthalten — dazu gleich mehr.

Ein wenig dünn sieht es bei Klassikern und älteren Filmen im Allgemeinen aus. Wenn man etwas ausgefallenes sucht, wird man meistens nicht fündig. Das war bei einem Streaming-Dienst, der sich ja aus Prinzip eher an jüngere Generationen richtet, auch nicht anders zu erwarten.

Besonders groß ist das Angebot an Serien. Teilweise muss man schon aufpassen, dass man zwischen den ganzen Serien noch die Filme findet. Gerade die eigens für Amazon produzierten Serien erfreuen sich ja großer Beliebtheit. Auch für Kinder jeden Alters gibt es reichlich Inhalte.

Zusätzliche Gebühren trüben den Gesamteindruck

Amazon Video ist kein reiner Flatrate-Streaming-Dienst, wie der häufige Gebrauch des Zusatzes Prime vermuten lässt. Ohne Prime muss man jeden einzelnen Titel separat bezahlen. Mit Prime, also mit der Flatrate, muss man… nun ja… nicht alle Titel bezahlen.

So negativ, wie es erstmal klingt, ist das nicht. Tatsächlich ist die Auswahl der in der Prime-Mitgliedschaft enthaltenen Filme und Serien immer noch groß genug. Langeweile kommt da so schnell nicht auf. Sehr schnell merkt man aber auch, dass alle neuen und beliebten Filme eben nicht Bestandteil der Prime-Inhalte sind. Gerade wenn man nach einem bestimmten Film sucht, ist ausgerechnet der meistens nicht in Prime enthalten. Sowas ist ärgerlich.

Dabei sind die Kosten für Filme und Serien geradezu unattraktiv hoch. Alle Filme können sowohl geliehen als auch gekauft werden, Serien nur gekauft. Hier ein paar übliche Preise:

  • eine Folge einer Serie zu kaufen kostet in HD 2,99 €, auch wenn es sich dabei um eine Kinderserie handelt, deren Folgen jeweils nur 5 Minuten dauern
  • ein Film kostet im Verleih in normaler Auflösung 3,99 €, in HD 4,99 €
  • einen Film dauerhaft zu kaufen kostet meist zwischen 8 und 12 €, in HD meist 2 € mehr

Wie man einen Film bei einem Streaming-Dienst kaufen kann? Nun, dass der Kauf getätigt wurde, wird im Amazon-Konto dauerhaft hinterlegt. Somit kann man den Film für alle Zeit beliebig oft erneut streamen. Vorausgesetzt, man verliert sein Konto nicht und Amazon bietet seinen Dienst bis in alle Ewigkeit an. Richtig unattraktiv wird das Angebot aber eigentlich dadurch, dass die Blu-ray oft deutlich weniger kostet, dabei aber eine noch bessere Qualität hat und man wirklich etwas für sein Geld bekommt.

Der Preis für eine einzelne Folge einer Serie ist geradezu unverschämt, zumal er unabhängig von der Spielzeit ist. Wenn man komplette Staffeln kauft, entspricht das schon eher der Spielzeit — aber auch hier kann man sich genauso die Blu-ray-Box kaufen und kommt damit günstiger weg.

Die Verleih-Option bietet Zugriff auf den jeweiligen Film für 48 Stunden. Warum auch immer 48 Stunden — wenn ich den Film am Stück ansehe, wie es sich gehört, ist das unnötig lang; wenn ich den Film unterbrechen will, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu kurz. In jedem Fall ist der Preis für den Verleih viel zu hoch. 5 € bezahlt man in keiner Videothek, selbst für 48 Stunden nicht.

Wie sich Amazon diese Preispolitik genau vorstellt, weiß ich nicht. Es scheint ja zu funktionieren. Angeblich gibt es da aber wohl auch Probleme seitens der Filmverleiher — natürlich mal wieder nur in Deutschland. In den USA sind attraktive Streaming-Angebote völlig normal.

Heute noch Prime, morgen nur gegen Geld

Das ganze ist weniger schlimm, wenn man Prime Video nur als nette Zusatzoption sieht. Ohne genauere Vorstellungen blättert man einfach durch das Angebot, lässt sich dabei nur die Prime-Inhalte anzeigen und entscheidet sich für etwas, das in der Flatrate enthalten ist. Das ist schon ok so und für 20 € im Jahr immer noch ein prima Angebot!

Damit man nicht jeden Abend auf’s Neue suchen muss, gibt es natürlich die praktische Watchlist. Wenn man über etwas interessantes stolpert, setzt man es auf die Watchlist. Will man etwas anschauen, findet man es dort schnell wieder.

Dumm nur, dass Amazon regelmäßig Inhalte aus dem Prime-Angebot heraus nimmt. Heute noch ein Prime-Banner links oben in der Ecke, morgen schon nicht mehr. Soll heißen: Wenn ein Film mehrere Monate auf der Watchlist stehen bleibt, ist es leicht möglich, dass er plötzlich extra bezahlt werden muss. Wenn man also nicht jeden Tag mit Prime Video unterwegs ist und so seine Watchlist zügig abarbeitet, ist das Feature nicht wirklich viel wert.

FSK-18-Inhalte bei Prime Video

Bei Prime Video gibt es auch FSK-18-Inhalte. Diese sind zunächst mal gesperrt. Die Sperre kann man umgehen, indem man eine vierstellige PIN eingibt. Die PIN legt man fest, indem man über die Website auf Instant Video zugreift und dort einen FSK-18-Film aufruft. Wurde noch keine PIN hinterlegt, bekommt man dann die Möglichkeit dazu.

Ich konnte leider nicht testen, wie sich das mit einem relativ jungfräulichen Amazon-Account verhält. Laut Informationen von Amazon beweist man seine Volljährigkeit durch die Kombination aus Personalausweisnummer und Bankkonto oder Kreditkarte. Ein recht einfacher, einmaliger Prozess, der dann auch gleich für Einkäufe bei Amazon erledigt ist.

Diese Vorgehensweise ist aus meiner Sicht so völlig in Ordnung. Ein kleiner Aufwand muss eben sein — um so besser, wenn dadurch keine zusätzlichen Kosten entstehen.

Bei der Auswahl einer PIN kann man zudem auch die FSK-Stufe wählen, ab der sie bei jedem Abruf eines Films angegeben werden muss. Besteht also die Gefahr, dass Kinder auf Prime Video zugreifen, kann man die PIN schon für jede niedrigere Altersstufe erforderlich machen. Eine schöne, familienfreundliche Lösung.


Der Gesamteindruck von Amazon Prime Video ist also eher durchwachsen. Ich habe den Eindruck, dass Deutschland einfach immer noch nicht reif für sinnvolle Streaming-Angebote ist, und bin deshalb lieber zurückhaltend mit einem Urteil. Es ist ja auch nicht so, dass das bei anderen Anbietern so viel besser wäre.

Ich halte Prime Video für ein sehr schönes Angebot, wenn zwei Bedingungen gegeben sind:

  • Man bestellt viel bei Amazon und zieht damit auch noch einen anderen, weitaus größeren Nutzen aus der Prime-Flatrate. Das Video-Streaming ist nur ein netter Bonus.
  • Man will nicht gezielt bestimmte Filme ansehen, sondern setzt sich abends einfach mal hin und sucht sich spontan was raus. Für konkrete Filmwünsche nutzt man eine richtige Videothek.

In jedem Fall werde ich mich hüten, auch nur einen Cent für einen Film auszugeben — nicht geliehen und schon gar nicht gekauft. Das bekommt man woanders günstiger, und dann auch meistens als Blu-ray. Wir werden sehen, ob wir hier in den nächsten Jahren einen weiteren Schritt in die richtige Richtung machen, um Streaming als wirkliche Alternative zu Blu-rays zu etablieren.

Über Bert Kößler

Leidenschaftlicher Filmvorführer, Popcorn-Koch, Kartenabreißer, Platzanweiser, Programmchef, Projektionist, Reinigungsfachkraft und Kabelmann in einer Person. Neigt zu ausgeprägtem Fanatismus, wenn es um die Steuerung und Automatisierung des Heimkinos geht. Konnte sich zwischen zwei Filmen dazu motivieren, Heimkino Praxis als Ventil für gelegentliche Schreibanfälle zu gründen.

2 Gedanken zu „Amazon Prime Video: Heimkino-Streaming im Test

  1. Hi,
    die Kosten für Filme im Streaming angebot ist relativ einfach erklärt. Durch unsere in DE bekannte Regulierungswut gibt es hier für das Streaming eben gewisse Lizenzrechtliche Probleme. Man kann sich den Film zwar ausleihen, aber gestreamt werden darf er nicht.

    Das sind so haarsträubende Regelungen die bekannterweise nur bei uns möglich sind. Somit wird weder Maxdome noch irgendwann mal Netflix eine Reine Flatrate für alles anbieten können. Im Gegensatz zu den USA wo das Problemlos möglich ist.

    1. Aber so ganz logisch ist das nicht. Es scheint keine Regel dahinter zu geben, was in Prime enthalten ist und was nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass alles was gerade beliebt ist, erstmal nicht in Prime enthalten ist – bis auf ein paar Leckerbissen, die sie einem hinwerfen.

      Beim DVD-Verleih ist es ja auch ein wenig komisch mit manchen Filmen. Den Hobbit (2) gibt es zum Beispiel nicht im DVD-Verleih. Das hat glaube ich auch was mit dem Filmverleih zu tun. Die wollen wahrscheinlich nicht, dass sich jetzt jeder die Kurzfassung ausleiht und damit seine Sucht nach dem Film befriedigen kann, bis es dann endlich die lange Version zu kaufen gibt. Andererseits gibt es die Kurzversion in „normalen“ Videotheken auch zum Ausleihen. Irgendwie komisch.

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