Ein ungewöhnlicher Nachruf

Der langsame Fall der Videotheken

Videotheken haben in den letzten 10 Jahren einen extremen Wandel durchgemacht. Überall im Land schließen die Filialen, ob große Kette oder unabhängige Videothek. Als kürzlich bekannt wurde, dass Amazon seinen Filmverleih per Post einstellt, ist eine weitere Quelle für Filme weggebrochen, die die Lücken in der Videotheken-Landschaft noch einigermaßen schließen konnte.

Videotheken wie diese gibt es immer weniger
Foto: Uygur Aktas

Ich habe mit dem teilhabenden Geschäftsführer einer Videotheken-Kette gesprochen, wie es zu diesem Wandel gekommen ist. Zusammen mit seinem Bruder hat Uygur Aktas von 2003 bis heute die Kette Monte Video im Raum München geleitet, ebenso die Ketten Maxi Video und World of Video im gesamten süddeutschen Raum. Von ehemals 80 Videotheken sind heute noch 2 übrig.

„Mein Bruder hatte einen VW-Bus, den er umgebaut hatte, so dass er VHS-Kassetten wie in einem Wohnzimmerregal einlagern konnte,“ erzählt Uygur von den Anfängen in den 90er Jahren. „Mit dem fuhr er immer auf die Flohmärkte und verkaufte diese VHS recht schnell. 2002 hatte er dann mit einem Bekannten eine 600 m² große Videothek gekauft.“ Obwohl der Einstieg in das Gewerbe relativ spät erfolgte, expandierte das Unternehmen bis 2005 recht schnell auf 80 Filialen.

Videotheken-Alltag

Videotheken beziehen ihre Filme meist über andere Firmen, die in größeren Mengen zu günstigen Konditionen einkaufen können. Beispielsweise kauft die World of Video GmbH für mehrere hundert Videotheken deutschlandweit ein. Eine Videothek investiert dann zum Beispiel 10% aus dem Verleihumsatz des Vormonats in neue Filme.

„Heutzutage braucht man sehr gutes Personal, das immer auf den Kunden zugehen sollten,“ erklärt Uygur, der gerade deshalb häufig selbst vor Ort ist. Videotheken sind heute keine Selbstläufer mehr, wie das noch vor Jahren der Fall war.

Der Umsatz einer Videothek ergibt sich zu ungefähr 85% aus dem Verleih der Filme. Snacks und andere Artikel machen nur rund 5% aus. Die restlichen 10% kommen aus dem Abverkauf der Filme, die nicht mehr in so großer Stückzahl benötigt werden. „Eine gut sortierte Videothek behält von jedem Film mindestens einen, ansonsten wird alles verkauft,“ sagt Uygur. Früher brachte der Abverkauf auch mehr ein, weil damit begonnen wurde, noch bevor der Film regulär im Handel erhältlich war. Seit es Filme aber teilweise sogar schon früher zu kaufen als zu leihen gibt, hat sich das geändert.

An Samstagen ging die Post ab, erzählt Uygur weiter. „Die Toptitel waren alle vergriffen. Ich kann mich an den Titel 300 erinnern, da hatten wir sage und schreibe 126 St. — oder Man on Fire 63 St. Die waren über Wochen immer verliehen. Heute ist das anders. Man muss die, wie man so schön sagt, ‚an den Mann bringen‘.“

Typische Probleme einer Videothek

Eine Videothek kann passend zur Nachfrage für das entsprechende Angebot sorgen. Auch die Preisgestaltung ist sehr flexibel, da es keine Preisbindung gibt. „Man hätte alles machen können, finanziell war alles drin. Wir hätten auch on Demand gehen können, interessierte aber keinen, weil es top lief,“ erzählt Uygur.

Trotzdem ist eine Videothek nicht unbedingt das einfachste Geschäft, das man betreiben kann. Es gibt einige Vorschriften, die dem Betreiber ziemlich fragwürdige Steine in den Weg legen. Zum Beispiel muss der Ab-18-Bereich zwingend einen separaten Eingang haben. „Ich fand es schon immer lächerlich, dass Filme und Spiele ab 18 nicht im Familienbereich beworben werden dürfen, da der Verleih eh nur an Erwachsene gestattet ist,“ denn nur das Cover anzuschauen wäre ja auch in jedem anderen Geschäft möglich, beklagt Uygur die Vorschriften zurecht.

Darüber hinaus gibt es reichlich konkurrierende Angebote, die teilweise saisonal bedingt sind. Wenn eine Fußball-WM läuft, sind deutliche Einbrüche im Umsatz zu verzeichnen, ebenso bei Sommerwetter oder sehr kalte Wetterperioden.

Das größte Problem sind jedoch alternative Angebote über das Internet. Die meisten Kunden wechseln zu Streaming-Angeboten, und das obwohl sie eigentlich mehr Nachteile haben:

  • sie sind teilweise teurer
  • die Bild- und Tonqualität ist schlechter
  • die Qualität kann stark schwanken
  • die Filmauswahl ist geringer

„Es gibt zum Glück immer noch Menschen die wollen einfach die bestmögliche Qualität, und das ist und bleibt das Medium selbst, Blu-ray oder UHD,“ sagt Uygur über seine besten und treuesten Kunden. Aber deren Zahl wird immer kleiner und das reicht eben nicht, damit eine Videothek wirtschaftlich tragfähig bleibt. „DVDs werden aber immer noch mehr geliehen. Viele Kunden fahren aber mehrgleisig, Streaming + Filme aus der Videothek leihen. Dadurch kommt der Kunde natürlich nicht mehr so oft.“

Warum frühzeitige Reaktionen ausblieben

„Wir gaben unseren Filialen Buchstaben von A bis C. A Filialen waren die Top-Läden, B waren ok, C die so vor sich hinliefen,“ beschreibt Uygur die typische Vorgehensweise aus betriebswirtschaftlicher Sicht. „Ab 2008–2010 waren die C-Filialen nicht mehr tragbar, weil auch die B-Läden nicht mehr den Umsatz hatten wie vorher. Die A-Läden hatten auch Umsatzverluste, aber die liefen zu gut, als dass man sich ernsthafte Sorgen machen musste.“

Das sollte sich später natürlich als Fehler herausstellen. Dass die meisten Kunden der Videotheken auch woanders leihen oder legal oder illegal streamen war für Uygur nie ein großes Geheimnis. Streaming war von Anfang an „unter den jungen Kunden sehr präsent. […] Wir dachten, das deutsche Gesetz kümmert sich früher oder später darum, was leider bis heute nicht geschah.“ Der Verleih per Postversand oder das Aufkommen von Automaten-Videotheken spielte hingegen nur eine sehr kleine Rolle bei der Konkurrenz. Der Hauptgrund für den Rückgang war „das plötzliche Überangebot im Internet,“ insbesondere von illegalen Plattformen. Aber „ohne die würde es das legale Streamen 2017 nicht geben.“

Man könnte also leichtfertig sagen, dass die Schuld für das Massensterben der Videotheken bei den Betreibern selbst liegt. Doch tatsächlich war das wohl eher wie die Geschichte vom Frosch und dem heißen Wasser. Weil der Prozess Jahr für Jahr langsam voran schritt, gab es nie den einen entscheidenden Moment, in dem dringender Handlungsbedarf geherrscht hätte.

Regale voller Filme in einer Videothek
Foto: Uygur Aktas

Der Verleih per Postversand wird wahrscheinlich immer eine Randerscheinung bleiben. Für viele ist er nicht der richtige Weg, weil die Auswahl des nächsten Films nur in sehr engen Grenzen steuerbar ist. Zudem ist der Einstieg als Videothek in diesem Bereich sehr schwierig. Den monatlichen Gebühren von um die 10 € stehen mindestens 5 Filme gegenüber, die in beide Richtungen per Post verschickt werden müssen. Da kann selbst bei guten Konditionen eigentlich nicht viel Gewinn übrig bleiben. „Ich kann’s mir auch nicht erklären,“ sagt Uygur, „nur die Masse würde es machen.“ Es ist aber anzunehmen, dass die Postversand-Videotheken, wie auch die Streaming-Dienste, ihre Preispolitik schnell ändern, sobald sie konkurrenzlos sind.

Hinterher ist man immer schlauer. Ein rechtzeitiger Strategiewechsel zum Streaming hätte manche Videotheken-Ketten retten können. „Man hätte online gehen können, aber 2010 war das Budget nicht mehr vorhanden,“ sagt Uygur. Dieser Schritt wäre also zu einem sehr frühen Zeitpunkt notwendig gewesen — so früh, dass die Notwendigkeit noch nicht erkennbar war.

Stattdessen drängten andere Anbieter auf den Streaming-Markt, die teilweise noch gar nichts mit dem Verleih von Filmen zu tun hatten. Anbieter, die aus ihrem bisherigen Geschäftsbereich bereits die finanziellen Mittel und technischen Grundvoraussetzungen mitbrachten, um Streaming frühzeitig und praktikabel anbieten zu können.


Schmale Gänge mit hohen Regalen links und rechts, gefüllt mit Filmen, die die Wahl zur Qual werden lassen — unter jedem ein kleiner Haken mit einem bunten Anhänger, sofern er verfügbar ist — das werden wir in Zukunft wohl nur noch selten sehen. In großen Städten werden sich Videotheken allein durch die Masse an Besuchern wohl noch eine Weile halten können. Aber mit der qualitativen Verbesserung des Streamings und dem Ausbau der Internetanbindungen werden auch diese immer weniger werden.

Ich finde das ausgesprochen schade! Einen Film in einer Videothek auszusuchen hatte immer eine ganz besondere Note, die online einfach nicht zu erreichen ist. Aber die Zeiten ändern sich, und damit auch unsere Gewohnheiten und Mediennutzung. Bleibt zu hoffen, dass uns die letzten Oasen greifbarer Medien noch eine Weile begleiten.

Über Bert Kößler

Ein Kino in den eigenen vier Wänden fand ich schon immer spannend. Meine Leidenschaft gilt vor allem der Einrichtung, Steuerung und Automatisierung. Hier teile ich meine Erfahrungen mit Anfängern und Fortgeschrittenen, die mehr aus Ihrem Heimkino machen wollen.

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