Die unendliche Geschichte (Remastered)

Ich hatte gestern die Gelegenheit, Die unendliche Geschichte in ihrer Neuauflage von 2013 zu sehen. Ich habe den Film als Kind bestimmt zehn mal gesehen, in den letzten 15 Jahren aber – soweit ich mich erinnern kann – kein einziges Mal. Deshalb war ich gespannt darauf, was sie daraus gemacht haben.

Zunächst mal beziehe ich mich nur auf die Version mit dem blauen Cover, denn diese enthält sowohl die ungeschnittene Originalfassung, als auch die „amerikanisierte“ Version, die um gut 6 Minuten gekürzt ist und mit einer Menge Popmusik daher kommt. Über letztere verliere ich hier kein Wort, da für mich ausschließlich die Originalfassung in Frage kommt, die seinerzeit in Deutschland durch die Kinos flimmerte. Diese ist qualitativ auch wesentlich besser umgesetzt, weil dafür eine Menge Zusatzaufwand betrieben wurde, nachdem ein besonders schlauer Mensch bei der Produktionsfirma vor ein paar Jahren entschieden hatte, die Original-Negative zur Restaurierung der gekürzten Fassung zu verschwenden. Mehr zu diesem Umstand beschreibt eine sehr ausführliche Rezension bei Amazon.

Bild und Ton

Da der Film durch eine ordentliche Restaurierung also für die Nachwelt gerettet ist, kann ich hier nicht viel Negatives zur Qualität sagen. Ich glaube nicht, dass man noch viel mehr raus holen könnte. Vermutlich hat niemand der Generation Steinbeißer diesen Film je in besserer Qualität gesehen, nicht mal im Kino.

Das Bild ist ausreichend, ja geradezu überraschend scharf. Hier und da gibt es zum Bildrand hin deutliche Unschärfen und Schlieren, die sich aber zum Glück in Grenzen halten. Farben und Kontrast sind im Rahmen der Möglichkeiten wirklich sehr gut (wie gesagt, besser als man es je zu sehen bekam). Filmkorn wurde größtenteils weggefiltert, was manchen vielleicht nicht so gefallen mag. Aber ich denke mir da immer: Dann guckt Euch doch die VHS an!

Besonders hervorheben möchte ich den deutschen Ton in DTS-HD 5.1, der sehr schön abgemischt wurde. Besonders im Bass-Bereich ist er sehr angenehm, unterstütz die Handlung und wirkt nie übertrieben. Wäre da nicht der deutliche Klang alter Aufnahmen (dazu gleich mehr), könnte der Film glatt als deutlich jünger durchgehen.

Inhalt und Handlung

Ich weiß nicht, ob es angebracht ist, ein Werk wie dieses in irgend einer Form zu kritisieren. Der Autor der unendlichen Geschichte, Michael Ende, mochte den Film ja nicht besonders und ließ seinen Namen sogar aus dem Vorspann entfernen. Und auch, wenn ich das Buch gelesen habe, vermeide ich Vergleiche zwischen Filmen und Büchern. Das sind einfach zu unterschiedliche Medien. Ja, natürlich ist das Buch immer ausführlicher und detaillierter. Natürlich geht das Buch viel besser auf die Charaktere ein! Dafür brauche ich aber auch Wochen, um das alles zu lesen. Ein Film ist kompakt, verarbeitet alles Wichtige in zwei Stunden und bietet einfach nur gute, kurzweilige Unterhaltung.

Würden sich alle Filme, denen gekürzte Handlung, Detailarmut und unpassende Besetzung vorgeworfen wird, zusammen raffen und gegen Bücher mit überflüssigen Nebenhandlungen, anstrengendem Satzbau und mangelnden Charakterbeschreibungen zu Felde ziehen, dann wäre aber was los im Buchladen.

Selbstverständlich ist die unendliche Geschichte als Buch besser. Das liegt aber vor allem daran, dass die Möglichkeiten 1983 noch ein wenig eingeschränkter waren, als heute. In erster Linie hätte der Stoff, der nur die erste Hälfte des Buches abdeckt, wesentlich mehr Spielzeit verdient. Schließlich handelt es sich hier um eine epische Fantasy-Geschichte auf dem Niveau eines Herrn der Ringe oder Harry Potter. Nüchtern betrachtet gibt es zwar gar nicht so viel Handlung: Das Nichts bedroht die Welt, man schickt einen zur Rettung los, der befragt die Schildkröte, dann das Orakel, legt sich noch mit dem bösen Wolf an, dann das Finale – aus. Wenn man mal die Einleitung und den Höhepunkt der Handlung weg lässt, bleiben da gerade mal drei „Stationen“, die der junge Krieger Atréju zu passieren hat, wovon die letzte nicht wirklich zur Rettung von Phantásien beiträgt. Vielleicht soll das ja aber nur die Idee dahinter widerspiegeln: schließlich wird die Geschichte nur um ihrer selbst Willen erzählt.

Wahrscheinlich ist man aber von den jüngeren Produktionen des Genres nur zu sehr verwöhnt worden. Würde man Die unendliche Geschichte heute einem Peter Jackson in die Hand geben, käme da sicher ein 9-Stunden-Epos heraus. Am Ende müssten dann noch die Winzlinge gegen die Steinbeißer in einer Schlacht antreten.

Was ich eigentlich sagen will ist, dass Die unendliche Geschichte ein wenig in die Jahre gekommen ist. Der Reiz des Films, den man als Kind spürte, ging von der Identifikation mit den beiden Hauptcharakteren aus. Man wollte unbedingt auch so einen flauschigen Glücksdrachen haben und auf dessen Rücken die Welt retten. Und man hatte noch richtig Angst vor dem unheimlichen Gmork. Das funktioniert 20 Jahre später irgendwie nicht mehr so richtig.

Dem entgegen steht aber, dass man als Erwachsener endlich die gesellschaftskritische beziehungsweise politische Aussage – die Bedeutung des Nichts – verstehen kann. Im Film wird diese quasi als Höhepunkt des sich Auflösens der Welt von Gmork effektvoll vorgetragen. Der Wolf wird damit praktisch zur „Stasi des Nichts“. Die weitere Interpretation überlasse ich aber lieber den Profis. Ich will damit eigentlich nur sagen, dass Die unendliche Geschichte einerseits ein Film für Kinder war und auch immer sein wird, Jahre später aber plötzlich ein ganz neuer Film für Erwachsene ist.

Technik

Und damit komme ich zu dem altbekannten Problem: irgendwann ist die Magie weg. Es ist einerseits erstaunlich, was die Macher hier geleistet haben – andererseits tut es teilweise wirklich in den Augen weh. Das ist einer der Nachteile von überarbeiteten Fassungen auf Blu-ray: man sieht wirklich jeden Fehler. Das geht fast schon so weit, dass man die Übergänge der künstlichen Landschaften in die noch künstlicheren Hintergründe erkennen kann. Ach, auf VHS war eben doch noch alles besser.

Es ist irgendwie traurig, dass man heute auf solche Dinge achtet und am liebsten darüber lachen oder wegschauen möchte. Aber mal ehrlich, wenn Fuchur redet kann man die Animatronic dahinter fast schon hören. Die Stellen, an denen man den Glücksdrachen im Ganzen durch die Luft fliegen sieht, sind echt nicht schön anzusehen – wie überhaupt alles, was sehr offensichtlich mit Bluescreen-Technik gemacht wurde. Die Zeit war einfach noch nicht reif, ein so wendiges Tierchen zu animieren. Aus diesem Grund sieht der Körper des Drachen auch immer aus wie abgestorben, während sich nur der Kopf bewegt. Es hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich ein paar Puppenspieler dahinter aufgestanden wären und ihre Schnüre neu sortiert hätten. Ach Mist, als Kind konnte einen das eben noch faszinieren.

Trotz allem ist Fuchur wahrscheinlich das knuffigste Viech, das es jemals in einem Film gab. Die Macher haben es damals wirklich geschafft, aus diesem Haufen Fell und Mechanik echte Emotionen heraus zu holen. Und das nicht zu knapp. Ich habe mir während diesen 101 Minuten mehr als einmal gewünscht, dass sie den Film einfach heute komplett neu machen würden, dabei aber alle Figuren wieder genau so aussehen ließen, wie im Original und die ursprünglichen Mimiken nachbilden. Eben alles genau gleich, nur perfekt animiert – keine hässlichen Schnitte, nur weil man etwas nicht darstellen konnte – keine tot wirkenden Figuren und ruckeligen, unbeholfenen Animationen. Was könnte das für ein grandioser Film werden!

Ein paar Worte muss ich noch über die Musik verlieren. Klaus Doldinger hat hier ganz klar einen der besten Soundtracks abgeliefert, die jemals für einen deutschen Film gemacht wurden. Besonders gut stechen die verschiedenen Themen heraus  – das hat man zuletzt beim Herrn der Ringe so deutlich bemerkt.

Leider hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass die Musik ziemlich lieblos hinter den Film geklatscht wurde. So als hätten sie dem Herrn Doldinger damals gesagt „Ah, bist du endlich fertig mit den beauftragten Melodien, gib her, unser Azubi mischt das dann drunter.“ Irgendwie gibt es da keine Übergänge, Lückenfüller oder Variationen. Die Musik wird einfach nach Bedarf ein- und ausgeblendet, und das auf teilweise ziemlich haarsträubende Weise. Das wäre auch damals schon deutlich besser gegangen und hätte jetzt auch nicht mehr die Welt gekostet.

Auch die Klangqualität der Musik ist unter aller Kanone. Für so einen gigantischen Soundtrack hätte man doch mal ein Orchester antanzen lassen können, um ein paar neue Aufnahmen zu machen. Erst recht, wenn im Film sowieso nur immer wieder die selben vier Stücke gespielt werden. So klingt es nun leider alles total matschig. Ungefähr so als würde das weltgrößte Orchester dagegen anspielen, dass es nur auf einer schon fünfzig mal überspielten Kassette mit Typ-I-Band zu hören sein wird.

Fazit

Wie sicher nicht zu übersehen ist, muss ich mich ständig zurück halten, nicht immer die technischen Standards aktueller Produktionen für Vergleiche heranzuziehen. Verglichen mit anderen Filmen aus der selben Zeit muss sich Die unendliche Geschichte aber schon ein wenig Kritik gefallen lassen. Das mag an einem nicht unermesslich großen Budget liegen oder daran, dass (größtenteils) deutsche Produktionen immer ein wenig hinterher hinken.

Wie ich aber eingangs erwähnte, hat wahrscheinlich niemand, der das hier liest, den Film jemals in besserer Qualität gesehen, als er heute auf Blu-ray erhältlich ist. Das alleine mag nicht unbedingt als Empfehlung reichen. Andererseits werden Filme durch Überarbeitungen ja gelegentlich auch mal kaputt-optimiert. Zumindest das ist hier nicht passiert.

Die vielen Unzulänglichkeiten bei der Tricktechnik und Handlung hat man dagegen zu tolerieren. Wer den Film zum allerersten Mal im Erwachsenenalter sieht, wird vielleicht maßlos enttäuscht sein. Aber das ist wohl auch nicht die Zielgruppe dieser Neuauflage. Die unendliche Geschichte ist heute etwas für Kinder – und für alle, die den Film als Kind gesehen und geliebt haben.

Über Bert Kößler

Leidenschaftlicher Filmvorführer, Popcorn-Koch, Kartenabreißer, Platzanweiser, Programmchef, Projektionist, Reinigungsfachkraft und Kabelmann in einer Person. Neigt zu ausgeprägtem Fanatismus, wenn es um die Steuerung und Automatisierung des Heimkinos geht. Konnte sich zwischen zwei Filmen dazu motivieren, Heimkino Praxis als Ventil für gelegentliche Schreibanfälle zu gründen.

2 Gedanken zu „Die unendliche Geschichte (Remastered)

  1. Ach ja, und für die Fortsetzungen gilt:

    Teil 2 kann man sich mal anschauen. Von der Handlung her ist das ungefähr die zweite Hälfte des Buches. Trotz anderer Schauspieler noch ganz gut gemacht.

    Von Teil 3 unbedingt die Finger lassen! Der hat erstens nichts mehr mit dem Original zu tun – und zweitens ist er einfach nur schlecht gemacht! Das fängt schon damit an, dass die Figuren völlig anders aussehen, darunter auch Fuchur und der Steinbeißer. Ein Blick auf das Cover reicht.

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