Experten, bleibt mal locker

Dieser Beitrag bietet keine direkten Tipps zum Thema Heimkino, sondern ist eher als kleiner Denkanstoß für all jene zu sehen, die wie ich ab und an in Foren und Gruppen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Ich stelle bei Diskussionen rund um das Thema Heimkino immer wieder fest, dass Experten aus einem bestimmten Gebiet schnell über das Ziel hinaus schießen. Eigentlich mag ich den Begriff Experte nicht. Das klingt so selbsternannt, so überheblich – und am Ende muss ich immer an jemanden denken, der auch nur seine Meinung vertritt, dabei aber gut zu argumentierten weiß.

Jedenfalls passiert es in Foren und anderen Ansammlungen begeisterter Heimkino-Fanatiker häufig, dass jemand eine Frage stellt, deren Beantwortung völlig über das Ziel hinaus schießt. Da fragt zum Beispiel jemand, welche Vorhänge man am besten nimmt und wie man diese günstig aufhängt. Das Thema wechselt innerhalb weniger Wortmeldungen auf Raumakustik und überdämpften Hochton. Der Grundton lautet, er solle lieber ein vollständig durchdachtes Raumakustik-Konzept entwickeln lassen.

Am Ende weiß der Fragesteller gar nicht mehr, was er nun eigentlich machen soll. Er wollte doch nur schicke Vorhänge! Das verunsichert ihn oder lässt ihn im schlimmsten Fall vielleicht sogar den Spaß am Hobby verlieren.

Ja, ein Heimkino ist ein Hobby – nicht mehr und nicht weniger. Es ist eine großartige Mischung aus Spaß, Zeitaufwand, finanziellen und räumlichen Möglichkeiten, Anspruch und Geschmack. Was der eine kaum für würdig erachtet, den Namen Heimkino zu tragen, ist für den anderen ein kleines privates IMAX.

Klar juckt es einem in den Fingern. Da will jemand einen Vorhang kaufen, bedenkt dabei aber nicht, dass das die Höhen kaputt machen kann, ohne den Mittelton gleichermaßen zu dämpfen. Und der Bass erst! Und überhaupt wäre Steinwolle sowieso viel besser als Basotect!

Das bringt doch so nichts. Nicht jeder kann und will das Optimale aus seinem Kino herausholen. Für die meisten soll es ein wenig 5.1 sein, und wenn es der Raum hergibt, darf es auch gerne schick aussehen. Kaum jemand will sich den ganzen Raum mit Absorbern zupflastern, nur weil das dann bei einer akustischen Messung die schönere gerade Kurve ergibt. Nicht jeder will professionell an die Sache herangehen – nicht mal annähernd.

Gefallen muss es letztendlich nur dem Besitzer. Wenn der zufrieden ist, dann ist doch alles in Butter. Deshalb, liebe Experten, haltet bitte ab und zu mal die Füße still.

Wenn jemand eine Frage stellt, merkt man doch ziemlich schnell, auf welchem Niveau sich diese bewegt. Hat man es mit einem Anfänger oder einem erfahrenen Heimkino-Fan zu tun? Im Zweifelsfall kann man ja fragen. Und dazu passend sollte man auch antworten. Man kann nicht jedes Heimkino dieser Welt zur Perfektion bringen. Die meisten Leute haben doch nicht mal die Möglichkeit, ihre Sitzposition von der Rückwand weg zu bewegen. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Raumakustik-Konzept doch völlig überzogen. Eine andere Liga.

Oft stecken auch kommerzielle Gedanken hinter solchen Antworten. Wenn man eine kleine Firma hat, die Absorber vertreibt oder Räume akustisch optimiert, ist es ja nur logisch, dass man nur diesen Ansatz empfehlen will. Aber das macht mehr kaputt, als es hilft. Wenn jemand nach einem Vorhang fragt, das Budget für einen Vorhang hat und Vorhänge schick findet, dann wird er mit den Wänden voller Schaumstoff nicht glücklich. Damit ist er nicht gut beraten.

Keine leichte Sache also. Bis zu welchem Punkt kann man auf die Vorstellungen des Fragenden eingehen und ihm helfen? Ab wann sollte man ihn darauf aufmerksam machen, dass er wirklich völlig auf der falschen Fährte ist? Das erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl. Für diese Fähigkeit sollte es mal Experten geben.

Über Bert Kößler

Leidenschaftlicher Filmvorführer, Popcorn-Koch, Kartenabreißer, Platzanweiser, Programmchef, Projektionist, Reinigungsfachkraft und Kabelmann in einer Person. Neigt zu ausgeprägtem Fanatismus, wenn es um die Steuerung und Automatisierung des Heimkinos geht. Konnte sich zwischen zwei Filmen dazu motivieren, Heimkino Praxis als Ventil für gelegentliche Schreibanfälle zu gründen.

2 Gedanken zu „Experten, bleibt mal locker

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