Hybrid-Lautsprecher: Praktische Basswunder oder großes Problem?

Der Tiefbass macht im Heimkino die meisten Probleme. Bedingt durch die Eigenheiten von Schall im niedrigen Frequenzbereich – Stichwort: Raummoden – ist er schwer zu bändigen. Wenn ich dazu um Rat gefragt werde, fällt mir eine besonders ungünstige Konstellation immer wieder auf: Hybrid-Lautsprecher. Was das Problem mit Hybrid-Lautsprechern ist und warum sie in vielen Fällen eine ganz schlechte Idee sind, will ich hier einmal genauer erklären.

Eine Grafik zweier sich gegenüber stehender Hybrid-Lautsprecher, dazwischen ein gelber Blitz.

Hybrid-Lautsprecher sind große Standlautsprecher, die im unteren Teil einen Subwoofer fest integriert haben. Das Tiefton-Chassis ist dabei nicht selten an der Seitenwand des Lautsprechers verbaut – was aber egal ist, da sich der Tiefbass ohnehin kugelförmig ausbreitet. Wichtig dabei als Abgrenzung zu normalen, potenteren Standlautsprechern: bei Hybridboxen handelt es sich wirklich um meist passive Standboxen (Anschluss mit Lautsprecherkabel) und einen aktiven Subwoofer (Anschluss mit Cinch-Kabel und separate Stromversorgung) im selben Gehäuse.

Die Vorteile von Hybrid-Lautsprechern

Zunächst mal hat diese Bauweise entscheidende Vorteile:

  • Du musst keinen zusätzlichen Subwoofer aufstellen.
  • Da Hybrid-Lautsprecher eigentlich immer als Front L/R verwendet werden, hast du zwangsläufig gleich zwei Subwoofer und damit die doppelte Bassgewalt.
  • nur einmal kaufen, schleppen, auspacken

Dass du zusätzliche Subwoofer-Kabel sowie je eine Steckdose extra benötigst, wollen wir jetzt mal nicht weiter beachten. Das hättest du bei zwei gewöhnlichen Subwoofern ja auch.

Zugegeben, praktisch ist das schon. Du bekommst so – weitere Lautsprecher vorausgesetzt – ein 5.2-Setup mit dem „optischen Gewicht“ eines 5.0-Systems.

Aber leider gibt es da ein kleines Problem.

Das Problem mit Hybrid-Lautsprechern

Wenn es an die Einstellungen des AV-Receivers geht, empfiehlt es sich aus gutem Grund, alle Lautsprecher auf „small“ zu stellen. Den Lautsprechern wird dann der Tiefbass unterhalb der eingestellten Trennfrequenz entzogen und an den Subwoofer übergeben – zusätzlich zum LFE-Signal.

  • Das reduziert die benötigte Leistung an den Endstufen des AV-Receivers erheblich und lässt denjenigen die Arbeit machen, der es am besten kann: der Subwoofer.

Bei Hybrid-Lautsprechern übernehmen das die aktiven Subwoofer-Module im unteren Teil des Standlautsprechers. Und weil es gleich zwei davon gibt, ist das ja um so besser. Oder?

Den Tiefbass aller Kanäle auf den Subwoofer umzuleiten hat noch einen anderen Zweck.

  • Aus vielen Tiefbassquellen im Raum wird so eine einzige Bassquelle gemacht.

Der Tiefbass ist naturgemäß etwas schwierig in den Griff zu bekommen, weil die Raummoden ihn je nach Frequenz und Standort zu einem Dröhnen aufdicken oder durch Auslöschungen fast völlig eliminieren. Mit einer einzelnen Tiefbass-Schallquelle, dem Subwoofer, ist es erheblich leichter, dem Herr zu werden.

Hybriden nehmen dir deine wichtigste Stellschraube

Bassprobleme löst du in vielen Fällen am besten dadurch, dass du den optimale Aufstellungsort für den Subwoofer findest. Du musst den Subwoofer an verschiedenen Stellen im Raum ausprobieren, um so zu ermitteln, wo er am besten steht, damit er an der Hörposition möglichst ausgeglichenen, druckvollen Bass erzeugt.

Das ist die Grundlage jeder Bassoptimierung mit einem oder zwei gewöhnlich konfigurierten Subwoofern – und zwar noch vor jeder elektronischen Korrektur durch die Anti-Modes und DSPs dieser Welt.

Mit Hybrid-Lautsprechern hast du nun ein kleines Problem:

  • Der obere Teil, der als Standlautsprecher die Front übernimmt, ist wenig flexibel bei der Aufstellung. Die Lautsprecher müssen nach allen Regeln der Kunst exakt aufgestellt werden – möglichst so, dass sich ein perfektes Stereo-Dreieck ergibt.
  • Der untere Teil jedoch, d. h. der Subwoofer, muss sich dem unterwerfen. Er ist nicht vom Frontlautsprecher zu trennen und kann somit nicht frei im Raum positioniert werden.

Das heißt konkret: Du verlierst die wichtigste Stellschraube, die du hast, um den Bass für deinen Hörplatz zu optimieren – den frei wählbaren Aufstellungsort deines Subwoofers. Du musst den Bass nehmen wie er kommt.

Eine Verbesserung kannst du nur noch dadurch erwirken, dass du die Sitzposition änderst. Das wiederum würde dich aus der Mitte oder aus der Spitze des Stereo-Dreiecks ziehen – was keine Option ist. Du hast mit deinem Sitzplatz nur minimalen Spielraum nach vorne oder hinten.

Kurz und knapp: Die Aufstellung der (Front-) Lautsprecher und die Aufstellung des Subwoofers unterliegen gänzlich anderen Regeln – unabhängig davon, wie viele Lautsprecher und Subwoofer du tatsächlich einsetzt.

Mögliche Lösungen

Es ist jedoch auch nicht ausgeschlossen, dass sich die optimale Position von Frontlautsprechern und Subwoofern exakt decken. Deshalb sind Hybrid-Lautsprecher nicht in jedem Fall schlecht. Du kannst in deinem Raum einfach Glück haben und durch die Gegebenheiten der Einrichtung genau die richtige Position dafür bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt ist jedoch nicht berauschend groß.

Da Glück keine wirkliche Lösung ist, zeige ich dir hier zwei denkbare Wege auf, wie du ein von Hybrid-Lautsprechern verursachtes Bassproblem vielleicht in den Griff bekommst.

Wenn Symmetrie dein Feind wird

Besonders kritisch ist das, wenn die Lautsprecher-Aufstellung im Raum absolut symmetrisch erfolgt – was üblicherweise wünschenswert ist. Seitenwände in gleichen Abständen führen dann schell dazu, dass der Bass entlang der Mittellinie des Raums ausgelöscht wird – ausgerechnet dort, wo du eigentlich am besten sitzen würdest. Das ist ein generelles Problem, das auch bei zwei separaten Subwoofern auftritt, die symmetrisch an der Front aufgestellt werden.

Schematische Darstellung der ausgehenden Schallwellen zweier Subwoofer an der Front eines Raums. Die Schallwellen werden an den Seitenwänden reflektiert. Entlang der Raummitte entsteht eine langgezogene Auslöschung.

Größere Chancen auf ein akzeptables Ergebnis hast du in einem asymmetrischen Raum, der beispielsweise auf einer Seite in eine Essecke oder den Flur mündet, bzw. bei einer asymmetrischen Lautsprecheraufstellung innerhalb des Raums. Auch hier gibt es Auslöschungen, die du mit Hybrid-Lautsprechern schwer bis gar nicht beeinflussen kannst. Aber mit höherer Wahrscheinlichkeit befinden die sich nicht ausgerechnet an deinem perfekten Sitzplatz.

Mit halber Kraft voraus

Wenn zwei ähnlich starke Tiefbass-Schallquellen für eine massive Bass-Auslöschung verantwortlich sind, hilft es oft, eine davon abzuschalten. Es sagt ja niemand, dass du Hybriden auch unbedingt so betreiben musst.

Mit anderen Worten: Wenn du den unteren Subwoofer-Bereich eines deiner beiden Hybrid-Lautsprecher einfach nicht mit betreibst, sparst du dir nicht nur zwei zusätzliche Kabel, sondern möglicherweise auch noch eine Menge Ärger.

Denk immer daran, dass es im Grunde nur normale Standlautsprecher sind, die jeweils auf einem Subwoofer stehen. Es spricht nichts dagegen, einen dieser Subwoofernicht zu nutzen. Zudem hast du so als zusätzliche Optimierungsmaßnahme die Wahl zwischen dem linken und dem rechten Subwoofer.

Was zunächst praktisch erscheint, kann in der Praxis also gehörig in die Hose gehen. Für gewisse Anwendungsfälle mögen Hybrid-Lautsprecher sicher gut sein. Ein hervorragendes Ergebnis ist keinesfalls ausgeschlossen. Aber im Hinblick auf größtmögliche Flexibilität und Zukunftssicherheit – Wer weiß, in welchem Raum sie irgendwann mal stehen sollen? – sind die Hybriden nicht zu empfehlen.

Über Bert Kößler

Leidenschaftlicher Filmvorführer, Popcorn-Koch, Kartenabreißer, Platzanweiser, Programmchef, Projektionist, Reinigungsfachkraft und Kabelmann in einer Person. Neigt zu ausgeprägtem Fanatismus, wenn es um die Steuerung und Automatisierung des Heimkinos geht. Konnte sich zwischen zwei Filmen dazu motivieren, Heimkino Praxis als Ventil für gelegentliche Schreibanfälle zu gründen.

2 Gedanken zu „Hybrid-Lautsprecher: Praktische Basswunder oder großes Problem?

  1. Mal wieder ein interessanter Artikel, danke! Nun gibt es ja auch große passive Standboxen, die bis tief in den Bassbereich hineinspielen. Sie rufen ja die gleichen Probleme hervor. Bis zu welcher Hertz-Zahl würdest du deine Lautsprecher betreiben um dem Problem der Raummoden aus dem Weg zu gehen?
    Beste Grüße

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