Kein Platz für einen Center?

Wenn ein Heimkino in eine Wohnzimmer-Schrankwand integriert werden soll, kommt es bei der Aufstellung der Lautsprecher gelegentlich vor, dass es beim besten Willen keinen Platz mehr für einen Center-Lautsprecher gibt. Bevor Ihr einen Center nicht exakt mittig und möglichst nah über oder unter dem Bildschirm aufstellen könnt, ist es vielleicht wirklich besser, keinen zu haben. Überhaupt stellt sich die Frage, ob man einen Center braucht. Denn manchmal sind es auch die Kosten, die einen Center nicht erlauben.

Ein Center-Lautsprecher unter einer Leinwand

In so einem Fall bleibt nur eines übrig: ein Phantom-Center. Das ist ein umgangssprachlicher Begriff für einen Center, der eigentlich gar nicht da ist. Dem Verstärker wird über die Einstellungen mitgeteilt, dass kein Center-Lautsprecher angeschlossen ist. Somit verteilt dieser den Center-Kanal gleichmäßig auf den linken und rechten Frontlautsprecher. Was aus beiden Lautsprechern kommt, klingt so, als wäre die Quelle genau dazwischen.

Ich bin der Meinung, dass das nur eine Notlösung ist. Es wird aber oft zu schnell darauf zurückgegriffen, sei es aus Bequemlichkeit oder weil der daraus resultierende Effekt nicht bekannt ist.

Das Problem mit dem Phantom-Center

Besagter Effekt ist leicht erklärt. Je näher man sich an einer Schallquelle befindet, desto lauter hört man diese. Sitzt man nicht exakt mittig zwischen den beiden Front-Lautsprechern, ist der Abstand zu einem Lautsprecher zwangsläufig kürzer. Somit hört man diese lauter als die andere. Der Ton erscheint seitlich verschoben. Und damit kommen die Stimmen auch nicht mehr aus der Mitte – vom Bildschirm – sondern von weiter links oder rechts.

Dieser Effekt stört extrem, weil er selbst bei ganz leichten Verschiebungen der Hörposition aus der Mitte heraus sofort auffällt. Auch weniger geübte Hörer merken sofort, dass da etwas nicht stimmt.

Nun lässt sich das ja über den Balance-Regler noch einigermaßen korrigieren. Wenn die Hörposition zu weit links ist, verschiebt man den Ton einfach ein Stück nach rechts, womit man den weiter entfernten Lautsprecher etwas lauter hört. Das geht so lange gut, wie man sich nicht bewegt. Sobald man aber den optimalen Punkt verlässt, stimmt wieder nichts mehr.

Und was ist, wenn es mehr als einen Zuschauer gibt? Richtig, da hilft auch der Balance-Regler nicht mehr. Ein Phantom-Center kann aus Prinzip immer nur auf einer Linie, die von der Front weg führt, richtig klingen. Sofern also nicht alle Zuschauer hintereinander sitzen, kann bestenfalls einer die Sprache aus der Mitte hören. Alle anderen gucken in die Röhre.

Genau aus diesem Grund gibt es den Center. Der wurde nicht zum Spaß entwickelt oder damit sich Heimkino-Freunde überlegen müssen, wie sie da an der ungünstigsten Stelle überhaupt noch einen Lautsprecher unterbringen. Die einzige Aufgabe des Centers ist es, dafür zu sorgen, dass die Sprache verständlich wiedergegeben wird und immer von der Bildmitte kommt – egal auf welchem Platz man sitzt.

Sofern Ihr also Filme nicht ausschließlich alleine anseht (aber selbst dann), gehört ein Center zum Pflichtprogramm. Bevor Ihr Euch keinen Center leistet, verzichtet lieber auf die Surround-Lautsprecher. Lieber ein frontlastiger Klang, als ein seitlich verschobener.

Alternativen

Kann ein Center hinter dem Bildschirm platziert werden? Nach oben abstrahlend?
Leider nein. Ein Center – wie jeder andere Lautsprecher auch – muss den Schall in die dafür vorgesehene Richtung abstrahlen. Und das ist nun mal nach vorn in Richtung Hörer. Jede andere Aufstellung verfälscht den Ton so sehr, dass es besser ist, gar keinen Center zu haben.

Hält der Center es aus, wenn der Fernseher direkt darauf gestellt wird?
Kommt auf den Center an. Eine stabile Holzbauweise wird auch größere Flachbildschirme noch gut aushalten. Eventuell sollte eine Gummiunterlage dazwischen, damit Vibrationen nicht auf den Fernseher übertragen werden. Bei einem Kunststoffgehäuse würde ich von derartigen Experimenten lieber abraten.

Schaffen zwei kleinere Center links und rechts unter dem Fernseher Abhilfe, wo sie sich nicht mit dessen Standfuß in die Quere kommen?
Besser als nichts. Der Ton rückt deutlich näher zur Mitte, aber immer noch nicht perfekt. Ob die zusätzlichen Kosten das wert sind, lasse ich mal unkommentiert stehen. Auch wird durch Lautsprecher unterschiedlicher Bauweise das Klangbild verfälscht, was bei besonders kleinen Centern (in Kombination mit größeren Front-Lautsprechern, evtl. sogar eines anderen Herstellers) schnell passieren kann.

Kann der Center hinter der Leinwand platziert werden?
Ja, und das ist sogar das Beste, was man damit überhaupt machen kann. Der Ton kommt dann nämlich wirklich von den Leuten auf dem Bild, nicht von weiter unten oder oben. Einzige Voraussetzung: Die Leinwand muss aus speziellem schalldurchlässigem Stoff gefertigt sein. Das macht sie meistens um ein Vielfaches teurer.

Kann ich die Lautsprecher des Fernsehers zusätzlich mitlaufen lassen, um den Klang in die Mitte zu rücken?
Grundsätzlich ja. Das wird aber den Klang stark verfälschen, weil der Fernseher sämtliche Kanäle in seinem Stereo-Signal wiedergeben wird, auch Effekte, die eigentlich nach hinten gehören. Das Klangbild der TV-Brüllwürfel wird sich zudem stark von den anderen Lautsprechern unterscheiden. Aus meiner Sicht keine wirkliche Alternative. Aber vielleicht gibt es da draußen einen Fernseher, der sich so konfigurieren lässt, dass er nur die Center-Anteile wiedergibt.

Kann der Center auf dem Boden vor der Schrankwand stehen?
Auf einem Lautsprecherständer mit der entsprechenden Höhe, ja. Direkt auf dem Boden: nein, auch nicht angewinkelt. Der Center muss sich in einer Höhe von mindestens 40 Zentimetern über dem Boden befinden. Andernfalls rückt der Ton zu sehr aus der vertikalen Mitte. Viel mehr aber entstehen frühe Reflexionen vom Boden, die den Klang stark verfälschen. Wenn es nicht anders geht, sollte zumindest ein Teppich vor dem Center liegen, um das zu reduzieren.

Darf der Center an der Decke hängen oder sehr weit oberhalb des Fernsehers stehen?
Im Grunde ergibt das den selben Effekt, wie wenn der Center in Bodennähe steht. Nicht zu empfehlen. Möglich wäre es aber, sowohl weit oben als auch weit unten je einen Center zu haben – möglichst baugleich. Damit schafft man einen vertikalen Phantom-Center, womit sich der Ton auf die richtige Höhe bringen lässt. Wer aber schon Probleme mit einem Center hat, wird zwei Stück nicht unbedingt besser unterbringen.


Ihr seht also, dass es nicht wirklich viele brauchbare Alternativen zu einem echten Center gibt. Ein Phantom-Center ist erst recht keine. Ich würde stets so weit gehen, auch über neue Möbel nachzudenken, nur um einen Center vernünftig unterzubringen. Das klingt vielleicht etwas übertrieben, aber ich verspreche Euch, dass ein gut positionierter Center das Salz in der Surround-Suppe ist, ohne dem sie einfach nicht schmeckt.

Über Bert Kößler

Seit gut 20 Jahren fasziniert mich das Thema Heimkino. Neben den Filmen selbst gilt meine Leidenschaft besonders der Einrichtung, Steuerung und Automatisierung. Bei Heimkino Praxis teile ich meine vielseitigen Erfahrungen mit Anfängern und fortgeschrittenen Heimkino-Enthusiasten.

9 Gedanken zu „Kein Platz für einen Center?

  1. DAS Problem kenne ich nur zu gut und ich habe es bis jetzt unzureichend dadurch gelöst, dass ich den Center einfach immer auf den Boden gestellt habe. Ist aber definitiv nicht optimal. Wird am Ende also wahrscheinlich tatsächlich auf neue Möbel rauslaufen…

  2. Sehr aufschlußreicher Artikel – vielen Dank!
    „Der Center muss sich in einer Höhe von mindestens 40 Zentimetern über dem Boden befinden.“
    Bezieht sich die Aussage auf das akustische bzw. physikalische Zentrum des Mittel-/Hochtöners oder auf die Boxenunterkante?
    Leicht Anwinkeln wird man einen tief und aufrecht stehenden Center LS immer müssen?
    Ich habe unter meiner Leinwand ca. 60 cm Platz in der Höhe und der Mittelhochtöner würde sich auf ca. 50 cm Höhe befinden. Reicht das aus für guten Klang?

    1. Das reicht locker aus! Die 40 cm beziehen sich auf die Unterkante, sind aber auch nur ein grober Richtwert.

      Anwinkeln ist immer eine gute Idee — der Center sollte den Zuschauer geradeaus anstrahlen.

    1. Du meinst, er steht deutlich unterhalb oder oberhalb der Kopfhöhe und Du willst Ihn anwinkeln? Das wäre so richtig. Er sollte sich aber nicht zu weit oben und auch nicht auf dem Fußboden befinden. Anwinkeln bringt die Höhen besser zur Geltung. Eine völlig falsche Richtung kannst Du damit aber nicht korrigieren.

  3. Der Lautsprecher gehört natürlich genau in die Mitte und bloß nicht hinter Leinwand, sondern davor. Nur so bekommt man das beste Klangerlebnis.

    1. „Auf“ würde ich nicht empfehlen, schon alleine dem Player zuliebe. Der muss seine Wärme auch abführen können und mag Gewicht nicht so. Vielmehr handelst Du Dir aber Vibrationen ein, die das Abspielen stören können und sich vielleicht sogar im Klang bemerkbar machen.

      „Unter“ den Player sollte bei einem entsprechend großen und massiven Center kein Problem sein, weil der Player vermutlich Füße hat, die Vibrationen ausreichend dämpfen. Dennoch rate ich davon ab. Es ist immer besser, Lautsprecher für sich stehen zu lassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.