Der Phoenix unter den Heimkinos

Das Odeon: Wiedergeburt eines Klassikers

„Über die Kellertreppe gelangt man zur Kinokasse. Die Vorhänge sind bereits zugezogen, die Dame an der Kasse ist schon zuhause. Heute gibt es eine Privatvorstellung. Der Kartenvorverkauf fällt daher aus.“ So beschreibt Dustin Orlowski den Zugang zu seinem Heimkino. In unglaublicher Detailarbeit hat er von März bis Juli 2016 ein geschlossenes Kleinstadt-Kino in seinem Keller wieder errichtet und mit viel Liebe neu aufleben lassen.

Die Front des Odeon
Fotos: Dustin Orlowski

„Odeon“ war der Name des größten von drei Kinosälen, aus dem Dustin Leinwand und Lautsprecher hat. Nun heißt sein Heimkino so. Schon als Kind mochte er kleine, gemütliche „Dorfkinos“ viel lieber als große Multiplex-Kinos. Die hohen Räume, das riesige Bild und der Duft nach leckerem Popcorn haben für den 21-jährigen schon immer die wahre Kino-Atmosphäre ausgemacht.

Das Central-Kino in Hattingen musste im September 2010 seine Pforten schließen. Wie viele kleinere Kinos konnte es sich jahrelang gerade so über Wasser halten. Schließlich war es einfach nicht mehr rentabel. Über die Jahre wurde ein Investor gesucht und letzten Endes der Plan für den Abriss bekannt gegeben, der im Juli 2016 erfolgen sollte. Bis heute trauern viele Stammbesucher um das alte Kino und erzählen von ihren Kindheitserinnerungen.

Viele Schätze vor dem Abriss gerettet

„Eines Tages fiel mir in einer kleinen Stadt am Ende einer Fußgängerzone ein geschlossenes Kino auf,“ erinnert sich Dustin. „Leider ist unser Kino ab sofort geschlossen.“ Auf dem Zettel stand auch eine Telefonnummer, die vielleicht seinen lange gehegten Kindheitstraum erfüllen würde. Dummerweise war trotz vieler Versuche niemand erreichbar.

Also recherchierte Dustin, bis er den Eigentümer im November 2015 endlich ausfindig gemacht hatte. Der erzählte ihm, dass das Kino nicht mehr rentabel war und daher bald abgerissen werden sollte. Sie vereinbarten einen Termin, um sich im Kino für eine kurze Besichtigung zu treffen. Diesen Tag wird Dustin wohl nicht so schnell vergessen. „Mir fiel die Kinnlade herunter.“

„Nimm dir was du brauchst, wird eh alles entsorgt.“

Der Original-Schriftzug des alten Odeon-Kinosaals verleiht der Front ihre besondere NoteEr bekam zum Abschluss noch einen Schlüssel für das Kino, um es nach Lust und Laune ausschlachten zu können. Als Dustin 4 der alten Lautsprecher eingeladen hatte, war sein Auto auch schon voll. Er organisierte einen Anhänger, um die eingestaubten Schätze besser abtransportieren zu können.

„Ich habe aufgehört zu zählen wie oft ich am Kino war und wirklich jeden Winkel nach etwas brauchbarem abgesucht habe. Ich kannte das Kino womöglich besser als der Besitzer selber.“ Unzählige Dinge konnte Dustin vor der Entsorgung retten:

  • Lautsprecher
  • Leinwand
  • Vorhänge
  • Kinostühle
  • die Kinokasse
  • eine Vitrine
  • diverse Basotect-Absorberplatten
  • einen analogen Kinoprojektor, leider defekt

Bis heute kann Dustin es kaum fassen. „Das kann doch nicht sein, da steht ein Kino 5 Jahre leer und ich habe das Glück, die Ausstattung zu bekommen!“ Um so passender war es, dass für ihn der Umzug in ein eigenes Haus bevor stand, wo er sein Kino errichten wollte. „Während der Abriss des alten Kinos startete, begann die Auferstehung im Kleinformat direkt bei mir zuhause.“

Einrichtung

Nach rund 5 Monaten Bauzeit war das alte „Odeon“ in Dustins Keller wieder hergerichtet. Der Raum hat nun eine Größe von 4,20 × 3,60 Metern bei einer Raumhöhe von rund 2 Metern. Die Leinwand mit den dahinter verbauten Lautsprechern nimmt etwa 60 cm der Raumlänge ein.

Besonderes Detail: die Kinokasse im VorraumEin nettes Detail: Die alte Kasse im Vorraum stimmt schon beim Gang in den Keller auf das ein, was man gleich zu sehen bekommt. Auf der Ablage liegt eine alte Geldbörse mit Mark- und Pfennig-Münzen.

Die Technik wird weiter verwendet, wo immer es möglich und sinnvoll ist. Die Schalttafel aus dem Projektionsraum steuert sämtliche Lichter im Kino, darunter auch die dimmbare Beleuchtung über der Leinwand. Auch die dazugehörige Elektronik wurde im alten Schaltschrank des „Odeon“ untergebracht. Die Elektroinstallation hat ein Freund für Dustin übernommen.

Ursprünglich hatte der Kinosaal 120 Sitzplätze und eine 32 m² große Leinwand. Im Heimkino sind es nun noch 7 Sitzplätze und 4 m² Leinwand. Die Bestuhlung hat Dustin aus einem anderen Kinosaal gerettet, dem „Holodeck“, weil Farbe und Zustand dort besser passten. Der analoge Filmprojektor, ein Ernemann 9, dient als Anschauungsobjekt. Das neue „Odeon“ ist also viel mehr als nur ein Heimkino. Es ist wie eine Zeitreise in die Kinos der 90er Jahre.

Die stilvolle Anrichte für Popcorn und andere SnacksIn ein klassisches Kino gehört natürlich auch eine richtige Popcornmaschine. „Die Anrichte unter der Popcornmaschine ist mein Gesellenstück und wurde speziell zum Popcorn herstellen gebaut und auf Kinooptik abgestimmt,“ erzählt der gelernte Tischler. Hier wird eine reiche Auswahl an Snacks geboten.

Auch eine Klimaanlage hat Dustin installiert. Sie soll die Luft im Keller entfeuchten und die Temperatur angenehm kühl halten, auch wenn mal mehr Gäste zu Besuch sind.

Technik

Kinolautsprecher hinter der akustisch transparenten LeinwandBei den Lautsprechern aus dem Kino handelt es sich um 5 Stück Philips LBC 3131. Diese wurden vollständig hinter der akustisch transparenten Leinwand untergebracht. Typ und Marke der Surround-Lautsprecher, die aus dem dritten Kinosaal „Lancaster“ stammen, sind aber unbekannt, weil die Typenschilder völlig verblasst sind. Die übrige Elektronik musste Dustin zwangsläufig aus dem Bereich der Heimelektronik verwenden, um die zuhause gängigen Medien abspielen zu können.

  • Projektor: Benq TH 681
  • AV-Receiver: Yamaha RX-V367
  • BD-Player: Playstation 4
  • Subwoofer: Nachbau eines JBL 4641, aber unter Verwendung eines JBL 2241 GPL

Der Klang erinnert sofort an ältere Kinos: trocken, warm und ein wenig nostalgisch. Von der digitalen Perfektion der letzten Jahre ist nicht viel zu spüren. Hier möchte man gleich Filme wie Braveheart, Dante’s Peak oder Armageddon einlegen. Die Kino-Lautsprecher scheinen unendliche Lautstärkereserven zu haben. Von Verzerrungen fehlt jede Spur. Auch den äußerst druckvollen Bass traut man der in die Jahre gekommenen Technik zuerst gar nicht zu.

Bis dahin beliefen sich die Kosten für das „Odeon“ auf gerade mal 1.800 €, wovon der größte Teil dem Beamer zuzuschreiben ist, der kleinste der Einrichtung. Mit handwerklicher Begabung und genügend Eigeninitiative genügt also auch ein kleines Budget für ein großartiges Kino.

Zukunftspläne für das Odeon

Natürlich kann nach so kurzer Bauzeit längst nicht alles perfekt sein. Dustin hat noch viele Pläne, wie das neue „Odeon“ weiter verbessert werden soll. Ein echter Kino-Gong ist noch der kleinste Wunsch. Um die Kino-Atmosphäre endgültig abzurunden, ist ein elektrischer Vorhang geplant.

Das Odeon in der BauphaseDie Surround-Lautsprecher möchte Dustin ersetzen, weil die ursprünglichen Kinolautsprecher einen eher mäßigen Klang aufweisen. Ein besserer Projektor soll ebenfalls angeschafft werden. Dazu gehört auch eine neue, schalldurchlässige Leinwand, weil man bei der alten Kinoleinwand die Perforierung auf die kurze Entfernung doch recht deutlich sehen kann.

Ganz oben auf der Liste steht aber ein Upgrade auf Dolby Atmos. Die Anschaffung eines neuen AV-Reveivers ist noch für dieses Jahr geplant, da der kleine Yamaha für die Lautsprecher doch deutlich unterdimensioniert ist. Auch ein Media PC mit Kodi soll in naher Zukunft Einzug  in das Heimkino halten.


Es riecht bereits nach frischem Popcorn. Außerdem stehen heute Nachos zur Auswahl, ebenso verschiedene Getränke. Wir suchen uns einen Platz, der Kino-Gong ertönt und das Licht verdunkelt sich. Die alte Langnesewerbung wird abgespielt. Sogar ein altes Langnese-Eisverkäufer-Körbchen konnte Dustin aus dem Kino retten und setzt es manchmal bei besonderem Besuch ein. Nach der Trailershow schaltet sich der Schriftzug „Odeon“ aus und der Hauptfilm beginnt.

Original-Kinositze aus einem anderen KinosaalMit dem „Odeon“ hat sich Dustin einen lange gehegten Traum erfüllt: ein eigener Kinoraum der möglichst aussieht, wie ein echtes Kino. Echte Kino-Lautsprecher waren dabei schon immer eingeplant.

Seit dem Bau seines Heimkinos hat Dustin viele Kontakte zu Fans des alten Central-Kinos in Hattingen geknüpft. Darunter sind auch zwei ehemalige Mitarbeiter, die schon viele Geschichten über die früheren Abläufe im Kino und die familiäre Stimmung erzählen konnten.

Über Neuigkeiten und die weitere Entwicklung könnt Ihr auf Dustins Facebook-Seite seines Heimkinos auf dem Laufenden bleiben.


Die letzten Stunden des alten Central-Kinos in Hattingen hat Dustin noch auf Video festgehalten. Die folgenden Aufnahmen sind am Tag vor dem Eintreffen der Abrissfirma entstanden. Auf dem spannenden Rundgang sieht man gut, dass das Kino in den letzten Jahren mehrmals dem Vandalismus zum Opfer gefallen ist.

Über Bert Kößler

Seit gut 20 Jahren fasziniert mich das Thema Heimkino. Neben den Filmen selbst gilt meine Leidenschaft besonders der Einrichtung, Steuerung und Automatisierung. Bei Heimkino Praxis teile ich meine vielseitigen Erfahrungen mit Anfängern und fortgeschrittenen Heimkino-Enthusiasten.

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