Wie viele Boxen brauche ich im Heimkino wirklich?

Gängige Tonsysteme wie DTS, Dolby Digital, Dolby Surround oder normales Stereo, die von Blu-ray, DVD, CD und sogar herkömmlichen VHS-Kassetten abgespielt werden, kann ein AV-Receiver bei Bedarf in etwas umrechnen, das unserer Aufstellung der Boxen entspricht. Im Rahmen der Möglichkeiten natürlich. Sowohl die Kanäle der Tonquelle als auch die des Heimkino-Systems werden mit Zahlen wie 5.1, 7.1 oder vielen anderen möglichen Werten angegeben. Ein wenig Hintergrundwissen dazu habe ich hier neulich gegeben.

Boxen hat man im Kino mehr als genugSelbst aus einer Mono-Tonspur eines sehr alten Films lässt sich durch sogenannte DSP-Programme, die viele Verstärker bieten, noch einiges rausholen. Aber wie viele Boxen braucht man denn nun wirklich? Stereo (2.0) alleine macht noch kein Kino, obwohl es über einen Verstärker meist schon ein deutlicher Fortschritt gegenüber plärrendem Fernseher-Ton ist.

Auf einige Möglichkeiten, was man weglassen oder hinzufügen kann, möchte ich hier näher eingehen.

Der Subwoofer

Auf den Subwoofer kann man verzichten (X.0), wenn man ihn aus Rücksicht auf die Nachbarn sowieso nicht aufdrehen könnte – oder wenn die Hauptboxen selbst für genug Bass sorgen. Verstärker lassen sich üblicherweise so konfigurieren, dass sie den Basskanal eines Films mit auf die Haupt-Boxen verteilen.

Mehrere separate Kanäle für den Tiefbass (X.2) gibt es seitens des Filmmaterials nicht. Sie werden auch nicht benötigt, da die Richtung, aus der diese Frequenzen kommen, sowieso nicht bestimmt werden kann. Ein denkbarer Anwendungsfall sind zusätzliche Bass-Shaker die in passenden Situationen aktiviert werden sollen. Sowas haben aber bestenfalls sehr spezielle Kinos.

Ein System mit mehr als einem Subwoofer (X.2 oder X.4) kann aber erhebliche Vorteile in der Basswiedergabe bringen, weil die tiefen Frequenzen im Raum gleichmäßiger angeregt werden. Das geht aber schon eindeutig in den professionellen Bereich, kostet eine Menge Geld und kann optisch etwas überladen wirken.

Phantom-Center

Bei einem System ohne Center (2.X oder 4.X) spricht man von einem Phantom-Center. Das kann in einem Wohnzimmer erforderlich sein, wenn eine Center-Box mangels Stellfläche nicht unter oder über dem Bildschirm platziert werden kann.

Die Wiedergabe der Stimmen, wofür der Center hauptsächlich zuständig wäre, erfolgt mit über die linken und rechten Front-Boxen. Kein Platz für einen Center? So vorteilhaft es auch sein kann, keinen Center aufstellen zu müssen, so groß ist auch der Nachteil: Sitzt man nicht exakt mittig vor den Boxen, hört man den Phantom-Center auch seitlich versetzt. Diesen äußerst auffälligen Effekt zu verhindern ist gerade die Aufgabe eines Centers.

Ein Phantom-Center ist daher stets nur eine Notlösung, die ich absolut nicht empfehlen kann. Man sollte darauf ausschließlich dann zurückgreifen, wenn man nur alleine Filme schaut. Wenn man nicht genau in der Mitte sitzen kann, hilft eine Korrektur durch den Balance-Regler. Sobald mehrere Personen nebeneinander sitzen, hört bestenfalls einer die Stimmen aus Richtung des Bilds.

Surround-Boxen: 5.1, 6.1 oder 7.1?

Es bleibt die Frage, ob hinten zwei, drei oder vier Boxen benötigt werden. Die Antwort ist einfach: Kommt darauf an.

Gehen wir mal von einem 5.1-System aus. Sitzt man hier nicht perfekt in der Mitte, hört man sämtliche Surround-Effekte zwangsläufig mehr von einer Seite. Wenn sich Fahrzeuge direkt nach hinten Mitte bewegen, fällt das schon mal negativ auf. Aber auch die gesamte akustische Umgebung scheint immer leicht verschoben. Der Effekt ist der selbe, wie bei einem Phantom-Center, nur nicht ganz so auffällig.

Ein 6.1-System schafft hier perfekt Abhilfe. Was aus der Mitte zu hören sein soll, kommt auch tatsächlich von dort. Ähnlich ist es bei 7.1, wobei es hier aber keine absolut mittig angeordneten Boxen gibt. Geräusche aus der Mitte können auch nur wieder durch zwei Boxen simuliert werden – anders als bei 5.1 aber deutlich präziser.

7.1 lohnt sich besonders dann, wenn der Raum etwas breiter ist und häufig Zuschauer abseits der Mitte sitzen. Anders als bei 6.1 befindet sich bei 7.1 mit höherer Wahrscheinlichkeit eine der Boxen genau hinter einem seitlich sitzenden Zuschauer.

Kurz gesagt: In relativ schmalen Räumen (bis zu ca. 4 Metern Breite) lohnt sich ein 7.1-System noch nicht so richtig. Die zusätzlichen Boxen hinten geht bei der verfügbaren Breite einfach unter. 6.1 genügt hier vollkommen.

Was ist 9.1 und 11.1?

Heimkino-Systeme werden öfter auch mit 9.1 oder 11.1 Kanälen beworben. Die zusätzlichen zwei bzw. vier Kanäle, die hier hinzu kommen, nennen sich normalerweise Front Wide und Front High und befinden sich jeweils links und rechts weiter außen bzw. oben. Sie sollen ein breiteres Klangbild sicherstellen – sozusagen noch mehr Surround, aber von vorne.

Da es praktisch keine Quellen mit mehr als 7.1 Kanälen zu kaufen gibt, werden die zusätzlichen Kanäle stets berechnet. Auch hier werden dafür die echten Kanäle zu gewissen Anteilen gemischt. Je nachdem, wie der Verstärker dabei vorgeht, fällt der Effekt entsprechend gut aus. Wirklich mehr hört man dabei nicht. Der Verstärker hat durch die zusätzlichen Boxen aber wesentlich mehr Möglichkeiten, den integrierten Klangfeld-Prozessor auszureizen (besagte DSP-Programme), und damit zum Beispiel einen großen Kinosaal zu simulieren.

Ob man das braucht und sich die zusätzlichen Boxen leisten will, muss jeder für sich entscheiden. Alleine die Aufstellung der Boxen gestaltet sich nochmal deutlich schwieriger als bei 5.1 bis 7.1. Für kleine Räume und Wohnzimmer finde ich es ziemlich übertrieben. In richtig großen Heimkinos entfaltet es aber bestimmt eine ausgezeichnete Wirkung.


Ich hoffe, dieser Überblick hilft ein wenig bei der Entscheidung, welches System für die eigenen vier Wände angeschafft werden soll. Ich empfehle in jedem Fall ein 6.1- oder 7.1-System, um seitlich sitzenden Zuschauern ein annähernd so gutes Klangerlebnis zu ermöglichen wie an der optimalen Sitzposition.

Als absolutes Minimum genügt 5.1 aber auch, insbesondere wenn man die Möglichkeit zu einer annähernd perfekten Aufstellung hat und genau in der Mitte sitzen kann. Dazu könnt Ihr Euch als nächstes mit der Aufstellung der Boxen befassen.

Über Bert Kößler

Ein Kino in den eigenen vier Wänden fand ich schon immer spannend. Meine Leidenschaft gilt vor allem der Einrichtung, Steuerung und Automatisierung. Hier teile ich meine Erfahrungen mit Anfängern und Fortgeschrittenen, die mehr aus Ihrem Heimkino machen wollen.

7 Gedanken zu „Wie viele Boxen brauche ich im Heimkino wirklich?

  1. Ich sehe die Zahl der Lautsprecher genau wie du. In kleinen Räumen und bei einer geringen Anzahl an Hörern ist ein 5.x wirklich ausreichend, ansonsten ist 7.x zu empfehlen. Von den 9.x und 11.x Systemen halte ich nicht all zu viel, da dort eher verschlimmbessert wird. Solche Systeme machen Sinn, sobald es ausreichend Quellmaterial mit nativen 9.x und 11.x Spuren gibt.
    Für richtig guten Klang sind aber in jedem Fall die Aufstellung bzw. die korrekten Winkel der Lautsprecher zum Hörplatz zu beachten.

    1. Angenommen, man könnte ein 11.x System perfekt aufstellen und hätte auch sonst in der Raumakustik die Nase weit vorn – dann würde ich das vielleicht gar nicht so schlecht finden. Entsprechende Klangprozessoren können da schon ordentlich was erreichen. Sobald sich aber ein künstliches Klangfeld mit schlechter Aufstellung oder Akustik mischt, wird es tatsächlich nur noch verschlimmbessert.

  2. Guter Beitrag. Was aber wird auf Front High Kanälen ausgegeben? Mein Plan sieht vor ein Set Lautsprecher ins Wohnzimmer zu stellen von denen die regulären Frontlautsprecher über eine sehr teure und stromfressende Stereoanlage laufen. Die will ich nur zu Kino dazuschalten. Da wir über die Anlage auch Fernsehen, sollen die nicht am Tag 4 Stunden durchlaufen. Würde daher an der Frontwand höher Lautsprecher installieren wollen, die im Film als Front high arbeiten, beim Fernsehbetrieb aber die Frontlautsprecher ersetzen.
    Wie schließe ich die an ohne umstecken zu müssen? An den Frontlautsprecher ausgang oder an den Front High Ausgang?

    LG,

    Felice

    1. Interessante Frage. Ich stelle aber mal folgendes in den Raum:

      Du denkst über Front High nach, machst Dir aber über den Stromverbrauch Gedanken? Die machen’s dann auch nicht mehr fett. Wenn sich Deine andere Hälfte 5 Minuten lang föhnt, verbraucht das wahrscheinlich deutlich mehr Strom, als die paar Boxen den ganzen Abend. Aber gut.

      Zu Deiner Frage: Front High müssen an die dafür vorgesehenen Anschlüsse gehängt werden, wenn sie als solche laufen sollen. Wenn Dein Receiver es in den Einstellungen hergibt, die Front Highs (und nur diese) mit dem normalen Stereo-Signal zu befeuern, dann ist das der Weg. Über die Anschlüsse wirst Du das nicht geregelt bekommen, ohne Deinen Receiver der Gefahr eines Kurzschlusses auszusetzen. Manche Modelle bieten noch separat zuschaltbare A- und B-Anschlüsse für die Frontboxen (heute gerne auch Zonen genannt), aber puuuh… das doppelt zu verkabeln würde ich lieber lassen. Der sicherste Weg wäre ein separater Switch für die Front Highs. Viel Spaß beim Basteln.

      Ich verstehe aber auch die Gründe dafür nicht richtig. Warum sollte der Fernsehton von so weit oben kommen?

  3. Hi! Ich bin bei der Recherche für neue Blogthemen auf diesen Artikel gestoßen und hab einpaar interessante neue Dinge gelernt und Anregungen gefunden. Werde in Zukunft definitiv öfter mal vorbeischauen!

  4. Ich lerne hier unglaublich viel -dafür danke!
    Nun mal meine Frage:
    Ich plane aktuell eine 7.1 Aufstellung. Meine Idee an den Seiten zur Hörposition Dipole zu installieren und an der Rückwand (1, 20m Abstand) die Back Surroundboxen (als Direktstrahler). Geht so eine Mischung für ein räumliches Klangbild oder sollte ich einheitlich (Dipol oder Direktstrahler) bleiben?
    Und wie wird der optimale Abstand zwischen den Back Surrounds festgelegt?

    Bei meinen bisherigen Heimkino-Unternehmungen schwächelte immer der Rearbereich. Durch den Umzug und optimale Raumbedingungen, will ich nun alles richtig machen!

    1. Hallo Manuel,

      grundsätzlich ist es ratsam, in einer Gruppe von Lautsprechern, wie etwa die 4 Surrounds, nicht zwischen verschiedenen Modellen zu wechseln. Es kann trotzdem sinnvoll sein, ein Paar als Dipole zu verwenden, nämlich dann, wenn sie sich sehr nach an einer häufig genutzten Sitzposition befinden (< 1 Meter). Das ist heute ja eigentlich der einzige verbleibende Grund für Dipole. Genauer habe ich das schon im Artikel Lautsprecher-Aufstellung in schwierigen Räumen beschrieben.

      Der Abstand zwischen den Back Surrounds ist erstmal nicht relevant. Alle 4 Surround-Lautsprecher sollten sich im richtigen Winkel zum Hörplatz befinden, wie es zum Beispiel in der Empfehlung von Dolby steht. Die Abstände ergeben sich dann von selbst durch die Entfernung. Im Zweifelsfall ist es nicht verkehrt, wenn alle 4 Lautsprecher gleichmäßig ausgerichtet sind.

      Alles, was ich Dir jetzt erzählt habe, ist aber ohne Gewähr. Um es besser beurteilen zu können, müsste ich eine maßstabsgetreue Skizze des Raums sehen und vielleicht ein paar Fotos. Dafür könntest Du die Beratung per E-Mail nutzen.

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