Stromleitung quer durch das Wohnzimmer

Verkabelung als Drahtseilakt: Lautsprecher mal anders angeschlossen

Hin und wieder stolpere ich über Heimkino-Lösungen, die man nicht jeden Tag sieht. Die Verkabelung der Surround-Lautsprecher, die ich Euch hier vorstelle, gehört definitiv dazu. Bei der Einrichtung vieler Heimkinos ist eines der größten Probleme, wie man die Kabel zu den hinteren Lautsprechern verlegt. Klar: alle anderen Lautsprecher befinden sich ja an der Front und damit in unmittelbarer Nähe zum Verstärker. Nicht so die Rear-Speaker.

Verkabelung von Surround-Lautsprechern mit Drahtseilen
Foto: Bernhard Binder

Das Problem: Auf dem Weg nach hinten müssen die Lautsprecherkabel mindestens den halben Raum umrunden. Dabei kommen sie meistens an einer Tür vorbei, passieren Engstellen wie Heizkörper oder müssen umständlich um komplizierte Ecken gelegt werden. Zwar lassen sich die Lautsprecherkabel in Kabelkanälen und Sockelleisten gut verlegen, aber manchmal geht das eben einfach nicht. Kabellose Verbindungen wären eine Lösung, bringen aber viel mehr Nachteile mit sich, als sie beseitigen.

Auf die nachfolgende Lösung für die Verkabelung, die an Eleganz kaum zu überbieten ist, hat mich unser Leser Bernhard gebracht. Mit handelsüblichen Drahtseilen, wie sie für Halogen-Seilsysteme häufig eingesetzt werden, zieht er einfach seine eigene private Oberleitung quer durch’s Wohnzimmer. Nach dem Motto: Was sich nicht verstecken lässt, wird eben auffällig präsentiert.

Elegante Verkabelung für Techniker

Als Rear-Speaker kommen in diesem Beispiel die Dipollautsprecher ASW Cantius RS I zum Einsatz. Keine schlechte Wahl, wenn man bedenkt, dass das Sofa direkt an der Rückwand stehen muss. Das Heimkino sollte sich hier dem Wohnzimmer unterordnen. Eine so offensichtliche Verkabelung scheint dem erstmal entgegen zu stehen.

Befestigung der Drahtseile mit Seilspannern
Foto: Bernhard Binder

„Auf die Idee kam ich während meines Studiums, als ich ein Halogen-Seilsystem im Flur meiner Wohnung installierte,“ erinnert sich Bernhard, der diese Lösung bereits als „Version 3.0“ betreibt. Das Drahtseil selbst ist zunächst völlig unabhängig von seinem späteren Verwendungszweck von A nach B gespannt. Es beginnt hinter dem TV-Board knapp über dem Boden und endet direkt über den Lautsprechern. Sowohl an den Enden als auch an den beiden Umlenkpunkten in den oberen Raumecken kommen Ösenschrauben zum Einsatz, durch die das Drahtseil gezogen bzw. in die es eingehängt wird. „Die größte Arbeit war das Ausmessen der 16 Bohrlöcher, ausgehend vom Fixpunkt des Center-Lautsprechers,“ weiß Bernhard zu berichten. Nicht nur beim Ausmessen der Abstände von der Mitte muss man sehr genau arbeiten. Auch die Abstände der jeweils zwei Bohrlöcher zueinander müssen stimmen, damit die Kabel später genau parallel hängen.

Die Drahtseile werden dann mit dem passenden Zubehör, das in jedem gut sortierten Baumarkt erhältlich ist, straff gespannt. Je nach Beschaffenheit der Wand können sich die Ösenschrauben an den Enden dabei sichtbar verziehen. „Noch längere Ösenschrauben hätten das bestimmt verhindern können,“ räumt Bernhard als Verbesserungsmöglichkeit ein. Außerdem kann man die Löcher leicht ansteigend bohren, damit das Kabel die Ösen dann gerade zieht.

Ein kurzes Stück normales Lautsprecherkabel übernimmt die Brücke zwischen Drahtseil und Lautsprecher. Es kann mit Klemmen, wie sie im Elektrofachhandel erhältlich sind, einfach an den Draht geklemmt werden. Wer es besonders technisch aussehen lassen will, kann auch große Krokodilklemmen dafür einsetzen. Dieser An- bzw. Abschluss gibt der Lautsprecherleitung nochmal eine dezent technische Note.

An jedem Dreh- und Angelpunkt kommen Ösenschrauben zum Einsatz
Foto: Bernhard Binder

Weiterhin hat Bernhard die Ösenschrauben vom Drahtseil isoliert, indem er Tesafilm an den Auflageflächen angebracht hat. Das wäre aber eigentlich nicht notwendig, da über die Wand keine Verbindung zwischen dem linken und rechten Seil besteht. „Ich glaube, das war eine emotionale Entscheidung, weil ich nicht die teuren isolierten Kabel kaufte und deren direkte Berührung mit den Ösen unterbinden wollte,“ sagt Bernhard. Da es eine ziemliche Fummelei sein kann, den Tesafilm möglichst unsichtbar an den Ösenschrauben anzubringen, sind wir noch auf eine andere Lösung gekommen: Schrumpfschlauch. Von diesem wird ein kurzes Stück nicht über die Öse sondern über den Draht gezogen und an der Biegung bei den Ösen gelegt. Sobald der Draht fertig gespannt ist, kann er mit einem Föhn um das Drahtseil geschrumpft werden.

Die Bilder sprechen wohl für sich und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen und technische Abwandlungen. Der Vollständigkeit halber hier die Einkaufsliste der Materialien:

Auswirkungen auf die Klangqualität

Mein erster Gedanke, als ich von dieser Lösung hörte, war: Sehr cool! Der zweite galt aber schon den Auswirkungen auf die Qualität der übertragenen Audiosignale. Zwar reißt man bei bei Verwendung dieser Lösung ausschließlich für die Surround-Kanäle keine tragenden Wände ein, andererseits können Auswirkungen trotzdem hörbar sein.

Die exakte Ausrichtung der Drahtseile ist das A und O
Foto: Bernhard Binder

Zunächst steht außer Frage, dass ein Qualitätsunterschied im Vergleich zu durchgehend verlegten Lautsprecherkabeln aus Kupfer messbar wäre. Das kann gar nicht anders sein, da das Material der Drahtseile — hauptsächlich wahrscheinlich Eisen — einen höheren elektrischen Widerstand als Kupfer hat. Das bedeutet konkret, dass auf einer gleich langen Strecke mehr Verlust entsteht und sich mehr Fehler einschleichen können. Nicht umsonst sind Lautsprecherkabel aus Kupfer.

Umgekehrt haben die Drahtseile mit einer Stärke von 3 mm einen Querschnitt von rund 7 mm², was weit mehr ist, als selbst die stärkeren Lautsprecherkabel mit 2,5 oder sogar 4 mm², die üblicherweise noch verwendet werden. Das könnte den Nachteil des Materials also unter Umständen wieder etwas ausgleichen.

Weit größere Bedenken habe ich jedoch wegen der vielen Übergänge zwischen verschiedenen Materialien. Bei einem normalen, direkt an den Lautsprechern und am Receiver verschraubten Lautsprecherkabel gibt es genau zwei Übergänge zwischen verschiedenen Materialien: vom Receiver in das Kabel und vom Kabel in den Lautsprecher. Das ist optimal, weil es so am wenigsten Verlust durch unsaubere Kontakte gibt.

Die letzten Zentimeter führen über ein gewöhnliches Lautsprecherkabel
Foto: Bernhard Binder

Bei der hier vorgestellten Lösung gibt es Übergänge vom Receiver in ein Stück Lautsprecherkabel, von dort in eine Klemme und dann in das Drahtseil. Am Ende des Lautsprechers dann das ganze wieder zurück — das sind sechs Übergänge pro Strecke und damit eigentlich deutlich zu viele.

„Unzählige Stunden an Serien und Filmen […] bekräftigen mich in meiner Aussage, dass ich in der Praxis keinen Qualitätsabbruch bemerken kann,“ meint Bernhard auf die berechtigte Frage hin, ob jemals hörbare Störungen wie Knacken, Brummen oder Rauschen aufgetreten sind. „Als technikliebende Person versuche ich ständig zu optimieren, bis ich vollends mit dem Ergebnis zufrieden bin. Ich hätte sonst längst Kabel zu den Dipolen gelegt und das Seilsystem trotzdem hängen lassen.“

Eine private Stromleitung quer durch das Wohnzimmer
Foto: Bernhard Binder

Ein Unterschied sollte also nicht hörbar sein, wenn alles sauber angeschlossen ist. Dennoch habe ich mir direkt einen Optimierungsvorschlag für eine direktere Verkabelung einfallen lassen, den Bernhard auch schon für die nächste Version in Erwägung gezogen hat. Man lässt die Drahtseile einfach nach dem Spanner und der Seilklemme weiter laufen und bringt am Ende Bananenstecker an. Somit lässt sich eine direkte Verbindung des Drahtseils mit dem Receiver und dem Lautsprecher herstellen — mit nur einem Übergang mehr, den man bei der Verwendung von Bananensteckern aber ohnehin hätte.

Nur halte ich es dann für wichtig, die frei hängenden Endstücke mit Schrumpfschlauch oder einem anderen Material zu isolieren, damit sie nicht aus Versehen aufeinander treffen und einen Kurzschluss verursachen.

Darüber hinaus gelten natürlich die üblichen Regeln, wie man Lautsprecherkabel richtig anschließen sollte.


In einem geeigneten Raum würde ich diese Lösung bedenkenlos einsetzen. „Das Feedback von Gästen ist immer sehr positiv und sogar meine Frau — Stichwort WAF — kann sich das Zimmer nicht mehr ohne die zwei Kabelpaare vorstellen,“ resümiert Bernhard. Vielleicht ist das ja eine Argumentationshilfe für Eure bessere Hälfte, wenn ausgerechnet die Kabel als Grund gegen ein Heimkino im Weg stehen.

Viele weitere Anwendungsfälle sind mit dieser Lösung denkbar. So kann man die Drahtseile nicht nur an der Decke entlang spannen, sondern sie auch horizontal an Wänden verlaufen lassen oder an Dachschrägen hinauf. In jedem Fall löst Ihr damit nicht nur das Problem der Verkabelung, sondern setzt auch gleich noch einen technischen Akzent in Eurem Heimkino.

Über Bert Kößler

Ein Kino in den eigenen vier Wänden fand ich schon immer spannend. Meine Leidenschaft gilt vor allem der Einrichtung, Steuerung und Automatisierung. Hier teile ich meine Erfahrungen mit Anfängern und Fortgeschrittenen, die mehr aus Ihrem Heimkino machen wollen.

4 Gedanken zu „Verkabelung als Drahtseilakt: Lautsprecher mal anders angeschlossen

  1. Wie wäre es denn, für diesen Zweck Hochfrequenzlitze zu verwenden? Unter https://de.wikipedia.org/wiki/Skin-Effekt dürfte man die Begründung dafür finden. Auch Strom im höheren hörbaren Frequenzbereich hat nämlich die Eigenschaft, nur noch an der Oberfläche der Einzeldrähte zu fließen. Deshalb hat mal jemand die Erfindung gemacht, möglichst viele an der Oberfläche versilberte und durch Lack isolierte Einzelkupferdrähte zu einem Seil zu verarbeiten, das dann eben Hochfrequenzlitze (kann man mal googeln) heißt. Die einfachere Form hat kein Silber auf den Einzeldrähten. Je mehr und je dünnere Drähte drin sind, umso besser sind die Eigenschaften bei höheren Frequenzen. Das bedeutet gleichzeitig, dass es nicht nur auf den Nennquerschnitt oder das Material der Kabel ankommt. Theoretisch könnten die Einzeldrähte auch aus geringer wertigem Metall bestehen, wenn nur alle zusammen eine große Oberfläche haben, die mit einem besser leitfähigen Metall beschichtet ist. Das gab es einst in einem rohstoffarmen Land, in dem der Innenleiter von Antennenkabeln aus Aluminium gemacht und dünn mit Kupfer beschichtet wurde. Dieses Beispiel stammt natürlich aus einem anderen Sachgebiet, hat aber rein technisch die gleichen Grundlagen. Und noch was: Die mit ziemlich großem Abstand gespannten Seile umschließen eine große Fläche. Das kann sowohl zum Empfang von Störungen führen als auch zur Aussendung der Lautsprechersignale. Optimal wäre es eigentlich, die beiden Seile eines Lautsprechers (dann isoliert) zu verdrillen. Dann nämlich heben sich die durch die fließenden Ströme entstehenden Magnetfelder von benachbarten kleinen umschlossenen Flächen gegenseitig auf. Entsprechend verhält es sich mit eingestreuten Störungen, nur umgekehrt.

    1. Vielen Dank für die ausführliche Ergänzung! Ich lasse das mal so stehen, weil ich selbst keine Ahnung mehr habe, sobald Ströme anfangen zu wirbeln. Ich vertraue da voll und ganz meinem Haus- und Hof-Elektriker. 😅

      Bezüglich dem Skin-Effekt möchte ich aber als gegenteilige Meinung die (angebliche) Wahrheit über Lautsprecherkabel anbringen. Dort steht geschrieben, dass der Effekt für Audiofrequenzen nicht relevant ist. Nun, ich weiß es nicht.

      Es ist aber richtig, dass Kabel mit vielen dünnen Litzen (statt wenigen dicken) gemeinhin ausdrücklich empfohlen werden. Aus meiner Sicht ist das aber aus einem anderen Grund wichtiger: Falls einzelne Litzen beim Anschrauben an den heute üblichen Klemmanschlüssen abknicken, entsteht weniger Verlust. Aber auch hier kann man zweifeln, da sowieso nie alle Litzen direkt mit den Klemmen am Receiver oder Lautsprecher verbunden sein können.

      Interessant wäre noch, ob die hier vorgestellte „Oberleitung“ empfänglicher für die typischen Handy-Störgeräusche sind. Aufgrund der Entfernung bei Deckenmontage würde ich sagen: nein.

      1. Zugegeben: Die Verwendung von HF-Litze für Lautsprecherleitungen ist wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Die beste Anschlusstechnik dafür wäre auch immer noch das Löten, weil man die vielen feinen, einzeln isolierten Drähtchen nur durch Erhitzen von der Isolierung befreien kann. Auf http://www.elektrisola.com/de/hf-litze/begriffe-grundlagen/verarbeitung.html#c4920 findet man eine schöne Tabelle dazu. Auch die Angaben zur Eindringtiefe des Stromes decken sich einigermaßen mit denen bei Wikipedia.

        Interessant wäre trotzdem eine Optimierungsrechnung, die Summe der Einzeldrahtquerschnitte gegenüber der Summe der Drahtoberflächen betrachtet.

        Funkamateur Peter Weber / DJ4BR schreibt durchaus korrekt, dass der Skineffekt kaum messbare Auswirkungen hat. Auch seine Aussagen zu den Phantasiepreisen für die Kabel teile ich voll und ganz. Mit Deinen Kabeln bist Du doch hoffentlich noch zufrieden? Die 100-Meter-Rolle „ACOUSTIC HARMONY KS-1032M, 2 x 2,64 mm²“ kostete im Juni 2010 bei Pollin (findet man dort jetzt nicht mehr) genau 99 Euro.

        Hat der Oberleitungsbauer das mit den Handy-Störungen mal getestet?

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