Wer die Wahl hat, hat die Qual

Wohnzimmer oder Kinoraum?

Soll das Heimkino in einem eigenen Kinoraum eingerichtet werden, oder wird es ins Wohnzimmer integriert? Wenn Ihr vor dieser Frage steht, seid Ihr eigentlich fein raus. Beide Varianten haben große Vor- und Nachteile, auf die ich hier näher eingehen will. Wenn Ihr denn überhaupt die Wahl habt, soll Euch das dabei helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Die Front eines stilvoll eingerichteten Wohnzimmer-Heimkinos.
Foto: Jens Goller

Vor- und Nachteile von Wohnzimmer und Kinoraum in Kürze

Der berüchtigte Woman Acceptance Factor spielt eine wesentliche Rolle bei dieser Entscheidung. Ist die Lebenspartnerin damit einverstanden, das Wohnzimmer derart zu verunstalten? Igitt, Lautsprecher! Oder umgekehrt — hat sie ein Problem damit, abends öfter mal alleine im Wohnzimmer zu bleiben, während Ihr ins Kino abtaucht? Bedenken, ob ein separater Kinoraum denn überhaupt häufig genutzt würde, sind also gar nicht so abwegig. Aber mal der Reihe nach.

Raumgestaltung und Einrichtungen

In ein Wohnzimmer lässt sich ein Heimkino wunderbar integrieren. Die Voraussetzung ist jedoch, dass alle, die ein Mitspracherecht haben, damit einverstanden sind. Es stellt sich die Frage, wie weit man gehen kann und will.

Von vorneherein solltet Ihr es aber vermeiden, ein Kino in eine klassische Schrankwand zu integrieren. Die Auswirkungen auf die Akustik sind meistens katastrophal! Die Lautsprecher sollten möglichst frei stehen. Offene Möbel oder Lowboards sind dafür bestens geeignet. Noch besser sind Lautsprecherstative, auf denen Ihr die guten Stücke frei in den Raum stellt.

Dagegen habt Ihr in einem Kinoraum bessere Möglichkeiten, diesen wirklich wie ein Kino aussehen zu lassen. Zum Beispiel könnt Ihr eine dunkle Wandfarbe wählen, was sich bei Projektion auch gleich positiv auf die Bildqualität auswirkt. In einem Wohnzimmer ist das in den allermeisten Fällen wohl nicht drin.

Kosten und Investitionen

Ein Wohnzimmer-Kino ist eine gute Möglichkeit, die Kosten dafür im Rahmen zu halten. Schließlich müsst Ihr zunächst einmal nicht viel mehr als die Technik finanzieren. Dann ist das erstmal eine bessere Fernsehecke, die Ihr sofort nutzen könnt. Über die Jahre könnt Ihr weitere Veränderungen vornehmen, sobald es finanziell möglich ist.

Die ersten Kosten für einen separaten Kinoraum sind dafür meist deutlich höher und lassen sich nicht ganz so leicht über einen längeren Zeitraum verteilen. Der Raum muss schließlich erstmal eingerichtet und ansehnlich gestaltet werden. Zu lange wollt Ihr auf die Fertigstellung sicher auch nicht warten, denn die Investition soll ja ihren Zweck erfüllen.

Lautsprecher-Aufstellung und Sitzposition

Die größte Schwierigkeit in einem Wohnzimmer ist meistens die Wahl der Hörposition. Sofern Ihr nicht über ein wirklich großes Wohnzimmer verfügt, werdet Ihr dazu genötigt sein, das Sofa direkt an der Rückwand zu platzieren. Für das spätere Hörerlebnis ist das absolutes Gift. Die beste Position ist etwa ein Drittel der Raumlänge von der Rückwand entfernt. Wenigstens einen Meter sollte das Sofa von der Rückwand entfernt stehen.

Erfahrungsgemäß lässt sich das aber nur in wenigen Wohnzimmern realisieren. Dann hilft nur noch, im Surround-Bereich mit Dipol-Lautsprechern zu arbeiten und damit eine alternative Lautsprecher-Aufstellung zu versuchen.

In einem Kinoraum könnt Ihr die Aufstellung der Lautsprecher und die Sitzposition perfekt aufeinander abstimmen. Zudem werdet Ihr in der Regel weniger Probleme mit der Kabelführung haben, da Ihr keine Balkontür oder ähnliche Schikanen umfahren müsst.

Ein separater Kinoraum bietet ganz andere Möglichkeiten bei der Einrichtung.

Akustische Maßnahmen

Generell ist eine minimalistische Einrichtung von Vorteil für die Lautsprecher. Der Akustik käme allerdings ein möglichst vollgestopfter Raum entgegen, um den Nachhall zu reduzieren. Das könnt Ihr — sehr wohnraumtauglich — durch schwere Vorhänge, schicke Polstermöbel und einen Teppich ausgleichen. Weil das alleine aber nicht der Weisheit letzter Schluss ist, solltet Ihr an den Wänden dekorative Plattenabsorber anbringen, um weiter zu optimieren und die Erstreflexionen zu behandeln.

In einem Kinoraum müsst Ihr in Sachen Akustik zunächst etwas mehr unternehmen, weil der eigentlich recht leere Raum sonst zu stark hallt. Andererseits gibt es auch nicht besonders viele Einschränkungen. Ihr könnt Akustik-Elemente hinter Vorhängen oder dünnen Trennwänden verstecken. Die zusätzliche Freiheit bringt natürlich mehr Arbeit und höhere Kosten mit sich, weil Ihr alles von Null an aufbauen müsst.

Im Wohnzimmer ein Problem: die Lautstärke

Eines der häufigsten Probleme von Heimkino-Besitzern sind die Nachbarn. Na, vielleicht nicht die Nachbarn, sondern deren niedrige Toleranz gegenüber Störungen. Auch die eigene Familie wünscht sich vielleicht mal etwas Ruhe.

Im Wohnzimmer kann das ein echtes Problem werden. Schallisolierung zu angrenzenden Räumen oder Wohnungen ist mit vertretbarem Aufwand nicht möglich. Das kann so manche lange Filmnacht ziemlich schnell verkürzen.

Weniger eingeschränkt seid Ihr in einem Kinoraum, der sich im Keller oder Dachgeschoss befindet. Hier lauft Ihr nicht so schnell Gefahr, anderen Familienmitgliedern auf die Nerven zu gehen. Besonders in einem Keller mit dicken Beton-Wänden könnt Ihr auch noch spät in der Nacht bei relativ hoher Lautstärke Filme schauen. Einzig der Bass könnte problematisch sein.

Praktische Gesichtspunkte

Wie eingangs angedeutet müsst Ihr einen separaten Kinoraum natürlich immer erst „umständlich“ aufsuchen und könnt nicht einfach vom Sofa aus loslegen. Dieses Argument ist mir persönlich völlig unverständlich, aber ich höre das immer wieder. Manch einer will einfach nicht immer in den Keller gehen, um einen Film zu sehen. Da Kellerkinos wohl meistens nur im Falle von Wohneigentum in Einfamilienhäusern in Frage kommen, kann der Weg ja aber eigentlich gar nicht so weit sein.

Andererseits ist schon alleine das Betreten eines Heimkinos maßgeblich für richtig gute Kino-Atmosphäre verantwortlich. Wer noch dazu das Glück hat, sich einen schicken Vorraum einrichten zu können, ist besonders fein raus.

Nicht zu vernachlässigen ist der separate Kinoraum als Rückzugsort. Gerade bei Uneinigkeit über das Abendprogramm ist es vorteilhaft, eine Ausweichmöglichkeit zu haben. Auch wer Kinder hat, muss sich in einem separaten Raum weniger Sorgen um die teure Technik machen.

Vor- und Nachteile in Kürze

  • Wohnzimmer
    • Die Einrichtung wird meist durch die Nutzung des Raums als Wohnzimmer vorgegeben und muss eventuellen Mitbewohnern gefallen.
    • Die Kosten können sich zunächst auf die Technik beschränken und lassen sich sehr gut auf kleinere Investitionen über Jahre verteilen.
    • Die Lautsprecher-Aufstellung kann durch Möbel eingeschränkt werden und die Sitzposition ist wahrscheinlich nicht frei wählbar.
    • Akustische Maßnahmen sind empfehlenswert, aber oft nur eingeschränkt möglich.
    • Hohe Lautstärken können besonders spät abends, aber auch generell bei empfindlichen Nachbarn ein Problem darstellen.
    • Das Heimkino muss nicht erst umständlich aufgesucht werden. Solange Einigkeit über das Abendprogramm herrscht, steht der Kinovorstellung nichts im Weg.
  • Kinoraum
    • Die Gestaltung des Raums ist völlig frei, jedoch muss ein Kinoraum meist von Grund auf eingerichtet werden.
    • Bei der ersten Einrichtung fallen nicht nur Kosten für die Technik an, sondern auch erhebliche Ausgaben für die Raumgestaltung.
    • Lautsprecher können perfekt aufgestellt werden. Auch die Sitzposition lässt sich frei wählen.
    • Weil der Raum ansonsten leer ist, sind umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Raumakustik erforderlich – aber meist auch uneingeschränkt möglich.
    • Wenn sich der Kinoraum im Keller oder einer ähnlich abgeschotteten Umgebung befindet, sind hohe Lautstärken ohne nennenswerte Störung der Mitbewohner möglich.
    • Ein Kinoraum muss extra aufgesucht werden, was für Kino-Atmosphäre sorgt, aber auch an spontaner Bequemlichkeit scheitern kann.

Über Bert Kößler

Leidenschaftlicher Filmvorführer, Popcorn-Koch, Kartenabreißer, Platzanweiser, Programmchef, Projektionist, Reinigungsfachkraft und Kabelmann in einer Person. Neigt zu ausgeprägtem Fanatismus, wenn es um die Steuerung und Automatisierung des Heimkinos geht. Konnte sich zwischen zwei Filmen dazu motivieren, Heimkino Praxis als Ventil für gelegentliche Schreibanfälle zu gründen.

5 Gedanken zu „Wohnzimmer oder Kinoraum?

  1. Als wir uns letztes Jahr dazu entschlossen haben, einen serperaten Kellerraum in Garten graben zu lassen, ging es uns auch darum, das man dort ungehindert hohe Pegel fahren kann ohne das es jemanden stört. Es ist nervig immer darauf achten zu müssen nicht zu laut zu sein.
    Wenn man von einem harten Arbeitstag nach Hause kommt, kann man sich ins Kino setzen und alles um einen herum verschwindet. Ich kann dann wunderbar abschalten. Im Wohnzimmer wurde man zu oft abgelenkt. Dann klingelt es an der Haustür, Kinder laufen spielend umher etc. Im Übrigen auch für Musikhörer sehr empehlenswert. Natürlich ohne Wohneigentum nicht machbar.

  2. Hallo Bert!

    Ich habe mir mit dem Kauf unseres Hauses den Traum von einem eigenen Kino erfüllen können und möchte es nicht mehr missen. Angefangen habe ich quasi nur mit der Technik (5.1, Beamer, Leinwand und ansonsten vorhandene Geräte) und zwei alten Sofas vom Vorbesitzer und weißen kahlen Wänden. Nach und nach, auch aus Kostengründen, gab es dann eine Evolution hin zum heutigen Kino, „The Base“ 🙂 Mit Podest, schwarzen Wänden, Akustikelementen, Aufrüstung auf 7.1.2. Frei nach dem Motto „Man ist nie fertig“ ist es aber auch gerade das, was Spaß macht und was im Wohnzimmer nicht gehen würde. Der WAF! Der ist im Kinoraum kein Thema, abgesehen von einem gelegentlichen Kopfschütteln begleitet von einem Lächeln 😀 Fertig bin ich noch nicht – natürlich. Aktuelles Projekt ist die Maskierung, die nach erstem Test schon eine tolle Verbesserung gebracht hat 🙂

    Alles in allem würde ich immer den separaten Raum vorziehen, wenn ich die Wahl hätte.

    Viele Grüße,
    Marco

  3. Hallo Bert, 

    Ich betreibe in meinem Heimkino ein 7.1 Setup mit (aufgrund sehr kleiner Sitzabstände zur hinteren und rechten Wand) 4 Dipol Lautsprechern im Rear Bereich, die ca. auf einer Höhe von 1,80 m hängen.

    Ich habe jetzt damit begonnen mit Hilfe von REW Messungen weitere Feinabstimmungen rauszumessen und umzusetzen. 

    Genaues Einpegeln aller Lautsprecher und der beiden von einem Antimode 2.0 koordinierten Subwoofer hat prima funktioniert.

    Die Vermessung der drei Fronts per Impulsmessung war auch unproblematisch. Bezogen auf den Front Left habe ich entsprechend den akustisch ermittelten delays das Offset des Centers und des Front right so weit wie möglich minimiert. Mein Verständnis ist so, dass jedes Tonsignal von jedem Lautsprecher möglichst die selbe Zeit bis zum Hörplatz benötigen soll. So weit, so gut.

    Die Dipole zeigen allerdings durch die Bank deutlich höhere Zeitwerte im Vergleich zum Front left. Deren Offsets zum FL zu minimieren würde bedeuten, dass ich sehr starke Korrekturen zu den Abständen (Lautsprecher zu Hörplatz) am AVR einstellen müsste, die ich vorher exakt per Laser gemessen habe. Das war bei den direktstrahlenden Frontlautsprechern nicht so.

    Jetzt hätte ich eine konkrete Frage: Woher kommt das Verhalten bei den Dipolen und wie geht man damit korrekt um? Die akustisch gemessenen Offsets zum FL minimieren und stark von den vom laser gemessenen Abständen abweichen oder aufgrund Besonderheiten der Dipole bei der Lasermessung bleiben und nur die Front LS akustisch im delay kalibrieren?

    Ich würde mich sehr über einen tip freuen… 

    Schönen Gruss, Holger

    1. Hallo Holger,

      eine sehr interessante Frage! Also erstmal klingt das alles richtig und nachvollziehbar, was Du so eingestellt hast. Um das gleich vorweg zu nehmen: Du solltest dabei bleiben, wenn es Dir grundsätzlich so gefällt.

      Die höhere Laufzeit der Dipole erscheint mir logisch. Wenn sie entsprechend ausgerichtet sind, entfällt hier der Direktschall weitestgehend und bei der Messung steht der von einer Wand reflektierte Schall im Vordergrund. Der Schall nimmt also einen deutlich längeren Weg als den direkten, den Du per Laser messen kannst. Du müsstest aber genau genommen mehrere Schallereignisse in der Messung sehen können. Das ist manchmal nicht ganz leicht zu erkennen. Das ist ja aber gerade der Witz bei den Dipolen: der Schall soll ja diffus sein, damit man sie nicht orten kann. Das wird bewusst über (möglichst) mehrere Reflexionen an angrenzenden Wänden und der Decke bewirkt.

      Du könntest nun zwar die Front gleichmäßig stärker verzögern, um die längere Laufzeit der Rears auszugleichen — aber das ergibt aus meiner Sicht nicht viel Sinn. Das wäre dann zum Beispiel so, als würde der Nachhall eines Geräuschs schon beginnen, obwohl das Geräusch noch gar nicht zu hören war. Könnte etwas komisch klingen. Deshalb lass es so. Wichtig ist nur die Front. Was von hinten kommt muss nicht so ganz perfekt eingemessen sein.

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